Schule auf – Schule zu

Original Veröffentlichung: Schule auf – Schule zu | DEMOKRATIE IN BEWEGUNG - DiB

Die Corona Pandemie legt den enormen Ergebnisdruck im deutschen Bildungssystem offen. Es geht dabei um alles – nur nicht um Bildung.

Mit den erneuten Schulschließungen ist diese Debatte aber erneut vom Tisch. Präsenzpflicht gibt es in den meisten Bundesländern nur für die Abschlussklassen. Aktuell wurde in Berlin gerade eine Ferienwoche für Prüfungstermine in Abschlussklassen gestrichen. Aufatmen vielerorts, während sich der öffentliche Fokus sich endlich wieder den Mängeln der digitalen Lernplattformen zuwendet.

Das geht auch anders

Um den Unterrichtsausfall in Pandemiezeiten zu kompensieren, könnten die Landesministerien fĂĽr Bildung den SchĂĽler*innen zum Beispiel einfach ein  Premium-Lern-Abo eines Berliner Start-Ups spendieren. 16 Millionen Nutzer*innen verwenden die Wissens-App aktuell weltweit. Das wurde vor einigen Jahren auf den Markt gebracht. Sie bietet eine Kurzzusammenfassung der Inhalte von SachbĂĽchern, die man sich lesend oder hörend per Smartphone aneignen kann.
Man kann Platons „Der Staat“ in 16 Minuten studieren, „Die Freiheit, frei zu sein“ von Hannah Arendt in 13 Minuten und die „Dialektik der Aufklärung“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer gar in zehn Minuten. Knapp und effizient digital informiert werden, dabei nicht zu viel geistige Ressourcen verschwenden – darin kommt das moderne Wissensverständnis zum Ausdruck.

Nur die Noten zählen

Corona zeigt seit einem Jahr überdeutlich, dass Inhalte in der deutschen Bildungspolitik seit langem nicht mehr im Vordergrund stehen. Lehrer*innen ächzen seit Jahren in effizienz-, kompetenz- und outputorientierten Schulen unter einem enormen Druck, erzeugt durch Vergleichbarkeitswahn, latenter PISA-Fixiertheit, diverser Evaluationsmethoden und unerledigter Digitalisierungsvorhaben.
Folgerichtig war im erneuten Lockdown ein allgemeines Klammern an allem zu beobachten, was unter den erschwerten Bedingungen noch vorzeigbare Ergebnisse bieten könnte. Der Begriff „Präsenzunterricht für abschlussrelevante Jahrgänge“ fiel verdächtig oft in der Debatte. Hauptsache die Klausuren werden geschrieben, Noten eingetragen, die vorgegebenen Lernziele irgendwie erreicht.

„Junge Menschen brauchen auch in Pandemiezeiten Schulabschlüsse für ihre Zukunft,“ erklärte Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Geistloser aber eindeutiger sagte es Bayerns Ministerpräsident Markus Söder: „Schulen und Kitas haben ja den Sinn und Zweck, die Wirtschaft laufen zu lassen.“
Unsere Bildungsinstitutionen sind inzwischen zu Orten wirtschaftsdienlicher Pandemie-Betreuung verkümmert. Schulabgänger*innen sollen möglichst effizient die Arbeitsmärkte bedienen. Kaum jemand äußert noch die ketzerische Idee, dass Schüler*innen sich für einige Wochen auch jenseits von Rahmenlehrplänen bilden könnten.

Niemals zuvor waren Statistiken, Fallzahlen und Schwellenwerte ständige Alltagsbegleiter wie in der Pandemie. R-Werte, Corona-Ampeln und die Sieben-Tage-Inzidenz fesseln schon früh Morgens die Aufmerksamkeit. Wir wollen Unterschiede erkennen, vergleichen, das Unerklärliche beherrschbar machen.

Dagegen herrscht in der Schulpolitik seit langem große Angst vor individuellen Mutationen des ungezügelten Bildungsvirus, das menschliche Herzen und Seelen zu erfassen droht. Deshalb wird fleißig normiert und standardisiert – nur um Lernkompetenzen präzise zu evaluieren, um höchst effizient die Arbeitsmärkte zu bedienen.
Politiker*innen fĂĽhren gern an, dass hierzulande nun mal allgemeine Schulpflicht besteht. Theoretisch soll diese gesetzliche Regelung die SchĂĽler*innen auf ein Leben als demokratische StaatsbĂĽrger*innen vorbereiten.
Laut Bundesverfassungsgericht ist die Schulpflicht dadurch begründet das „Kontakte mit der Gesellschaft und den in ihr vertretenen unterschiedlichen Auffassungen nicht nur gelegentlich stattfinden, sondern Teil einer mit dem regelmäßigen Schulbesuch verbundenen Alltagserfahrung sind“. Mündige und kritische Subjekte sollen sich im Miteinander herausbilden und in der Lage sein, die Demokratie der Zukunft zu gestalten. Schulungspotenzial für solche sozialen und emotionalen Fortbildungen gibt es zur Zeit in großer Zahl.

Wachsende Abneigungen gegen das Lernen

Gerade in diesen Tagen könnte man so viel lernen:
Gegensätzliche Positionen in einem zivilisierten Ton abgleichen, Fakten und Zahlen richtig einordnen, ideologisches Geschwafel von logischer Argumentation unterscheiden. Wissen, was ist und verstehen, warum es so ist. Solche Lerninhalte dürften allerdings schwer zu evaluieren sein. Sie sind lebensrelevant, ABER NICHT prüfungsrelevant. Der Ergebnisdruck muss dazu vom Unterricht genommen werden, Lehrpläne weniger eng gestrickt sein, denn Bildung braucht Freiräume.

Gleichzeitig beobachten wir ein wachsendes Ressentiment gegen das Lernen. Selbsterklärte Querdenker*innenn können nur schwer akzeptieren wenn etwas den eigenen Wissenshorizont übersteigt. Die Neugier um sich Neues anzueignen schlägt in Proteste gegen jegliche Belehrung um.
Hier erleben wir, was was geschieht, wenn Menschen aus Angst und Neid glauben alles verstanden zu haben, bevor sie Informationen haben. Menschen, die alles erklären können, ohne etwas begriffen zu haben.

Geradezu weltfremd

Dagegen klingt der Ansatz „Bildung bedeutet ein Anwachsen der sozialen Phantasie und der moralischen Sensibilität“ des ehemaligen FU-Professors und Philosophen Peter Bieri im Essay „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ beinahe weltfremd. „Je gebildeter jemand ist, desto besser ist er darin sich auszumalen, wie es wäre, in der Lage anderer zu sein.“

Statt Selbstreflexion wird Spezialistentum gefördert

Wilhelm von Humboldt zielte bereits mit seinem Bildungsbegriff auf Gesellschaft und Individuum ab. Menschen sollten im Bildungsprozess ein reflektiertes Verhältnis zu sich selbst und ihren Mitmenschen ermöglicht werden. Er nannte das eine „Verknüpfung von Ich und Welt“.
Urteilsvermögen und Reflexionsfähigkeit könnten so zwischen Selbstbestimmung und Gemeinwesen reifen, der Mensch seinen Einfluss auf die Welt, aber auch den Einfluss der Welt auf sich selbst erkennen.
Stattdessen reift besonders in Gymnasien das konkurrierende Spezialistentum von morgen heran. Auch Studierende sind nicht mehr Teil einer diskutierenden, von Neugier getriebenen Forschungsgemeinschaft. Sie hecheln in Excellenzclustern ihren „Credit-Points“ nach.
Der Ruf nach flächendeckender Digitalisierung ist im Kontext der Pandemie verständlich. Er ist aber noch lange kein Beleg für ein gelungenes Bildungskonzept.
Zu viele SchĂĽler machen im Homeschooling oder ausgekĂĽhlten Klassenzimmer aktuell die Erfahrung, dass der Kern des Lernens das ErfĂĽllen von Vorgaben ist.

Wenn Sie also in den Freiräumen des Pandemiejahres bei Ihren Kindern Symptome von Kreativität, Neugierde und Fantasie entdeckt haben sollten, seien sie beruhigt. Dagegen gibt es seit Jahrzehnten einen erprobten Impfstoff: falsche Bildungspolitik. Bis die wieder flächendeckend Wirkung entfaltet ist es nur eine Frage der Zeit.

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