Themenwoche der Öffies zum Mauerfall

Hallo zusammen,

die Öffie-Hummeln möchten gerne im Vorfeld des 09.11. eine Woche lang Beiträge zum Thema Mauerfall machen. Dafür suchen wir noch Themen und Menschen, die sich an diesen Themen beteiligen möchten.

Eine Idee z.B. wäre, dass zwei Menschen, einer aus Ost, einer aus West in einem Kommentar schildern, wie sie den Tag des Mauerfalls erlebt haben. Vielleicht habt ihr ja noch viel bessere Ideen? Dabei ist eurer Fantasie keine Grenze gesetzt und auch die Verbreitungswege sind offen. Wir können alle Kanäle der Öffne-Hummeln nutzen.

Wir freuen uns sehr über euren Input.

Eure Öffne-Hummeln

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Da mache ich als Wessi mal den Anfang, indem ich die „zwei Seiten einer Medaille“ aufzeige:

Für mich war der Mauerfall ein (freuden-)tränenreiches Ereignis, denn es bedeutete, dass ich meine Cousine in Magdeburg nicht länger nur ab und zu „illegal“, sondern fürderhin jederzeit problemlos würde besuchen dürfen. Es war außerem u. a. ein Anlass zur Vorfreude auf stundenlange gemeinsame Bibliothekenbesuche mit meiner Cousine während ihrer Besuche bei uns, denn dass sie nicht alle Bücher und Zeitschriften bekommen konnte und lesen durfte, die sie sich wünschte, war für sie, neben den Reisebeschränkungen, mit der größte Verzicht, mit dem sie sich beim Leben in der DDR hatte abfinden müssen.

Doch nicht alle Tränen waren Freudentränen, wie schon in den Tagen vor dem Mauerfall. Tränen des vorauseilenden Mitleids flossen, vor dem Fernseher sitzend, bereits angesichts des Jubels der Menschen in den Autoschlangen, die die Botschaft in Prag hatten verlassen dürfen, wie dann auch derer, für die der Weg durch die Mauer unverhofft offen war.

So sehr ich mich mit ihnen über das Mehr an Freiheit freute, war mir doch klar, dass bei vielen von ihnen der Freude des Augenblicks sehr bittere Enttäuschungen folgen würden - z. B. bei denen, die aufgrund ihres Alters kaum noch Arbeit finden würden; bei Anderen, die den Westen vielleicht in einem allzu rosigen Licht gesehen hatten und bald feststellen würden, dass dort längst nicht alles Gold war, was aus der Ferne zu glänzen schien; und dass Einige grundsätzlich die Erfahrung machen würden, Nachteile hinter sich gelassen und neue dafür eingetauscht zu haben.

Dass auch mir eine Ernüchterung bevorstand, habe ich damals noch nicht geahnt. Hätte mir jemand prophezeit, dass eine Angleichung der unterschiedlichen Mentaliäten in den beiden Teilen Deutschlands (derer ich mir aufgrund meiner verwandtschaftlichen Beziehungen natürlich durchaus bewusst war) nicht nur Jahre, sondern Generationen dauern werde … ich hätte das mit Sicherheit als unzulässigen Pessimismus oder gar Fatalismus abgetan.

Ungeachtet des Bewusstseins der Mammutaufgabe, der sich die Politik, schon aufgrund der maroden Industrie und Infrastruktur in Ostdutschland, nicht nur in finanzieller Hinsicht, sondern auch im Hinblick auf die Angleichung der Verwaltungsstrukturen zu stellen hatte, habe ich mir, ehrlich gesagt, keine Gedanken darüber gemacht, in welcher Form diese Aufgabe wohl am besten zu bewältigen sein würde.

Den tatsächlichen Ablauf zu verfolgen, konnte mich somit dann nur noch mit Zorn und Scham erfüllen. Und hat mir zwei unbeschreiblich arbeitsintensive und nervenaufreibende Jahre dadurch eingebracht, dass ich versucht habe, wenigstens in dem mir möglichen minimalen Umfang Gegenzeichen dafür zu setzen, dass nicht alle Westdeutschen egoistische Profitgeier sind.

Was ich mir heute am meisten wünsche, ist, dass endlich auch die letzten Mauern in den Köpfen auf beiden Seiten fallen.

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Der Mauerfall war für mich in 1989 schon das zweite Stück Weltgeschichte, nachdem ich in China die Ereignisse im Mai/Juni miterlebt hatte. Das war schon etwas herausfordernd, was meine emotionalen Verarbeitungsmöglichkeiten anging. Entsprechend gerührt war ich dann auch.

Neben meinen Erinnerungen an die DDR, die ich als Kind hatte, ergab sich für mich ausgerechnet in China die Möglichkeit, Studenten aus der DDR kennenzulernen und zwar quasi auf neutralem Boden. Das war dann weit weg von Westbesuch in der DDR und bedeutete einen ganz anderen Zugang zum Alltag dort, den Erfahrungen der Kommilitonen und erbrachte die Erkenntnis, dass die Herkunft aus dem einen oder anderen System für die Herausforderungen in China keine Rolle spielte.

Fast Forward ein gutes Jahr Dezember 1990 in dem ich mich um mein Examen kümmern musste und ehrlicherweise zugestanden nicht viel zur Wiedervereinigung reflektiert habe. Die „Ossis“ waren mir schlicht egal.

Examen in der Tasche musste die Wartezeit zum Referendariat mit Arbeit überbrückt werden und es verschlug mich für 7 Monate nach Sachsen, 6 davon ins Erzgebirge als Dozentin in der Erwachsenenbildung.

Dort habe ich dann, zunächst misstrauisch beäugt ob meiner Wessi Herkunft, direkt erfahren, wie die Lebensentwürfe und die Erwerbsbiographien aus den Angeln gehoben waren, wie hoch der Anspruch an alle war, sich sofort und uneingeschränkt zurecht finden zu müssen. Und wie wenig Anleitung und Unterstützung dafür vorhanden war.

In Amtsstuben usw. ausserhalb der Grossstädte fanden sich eher diejenigen mediokren Westimporte wieder, die sonst diese Stellen nicht erreicht hätten. Umso mehr war für die wichtig, sich über ihre Position und die damit verbundene Macht zu identifizieren. Ich halte mir zugute, dass ich meine Schüler*innen ein bisschen rebellisch gemacht habe, ein Nein nicht einfach hinzunehmen, schriftliche Bescheide zu verlangen und auch zu widersprechen.

Nicht alle sahen schon in 1991 für sich noch eine Perspektive. Einige Berufe oder Tätigkeiten waren einfach weg (Gardinenkordeldreherin z.B.), auch in der Landwirtschaft waren z.B. Melker*innen nicht mehr gebraucht und die neuen/alten Betriebe haben auch nur die Jüngeren behalten oder eingestellt.

Trotzdem war im Erzgebirge die Gesamtstimmung noch gut, waren die Erzgebirgler doch ohnehin schon vorher nicht die besten Bürger und nun waren sie Gängelei auch los.

Viele Familien haben mir ihre Tür geöffnet und mich teilhaben lassen. Das sind bleibende Eindrücke gewesen, ich war ja auch erst Mitte 20 und gerade ausstudiert. Was ich allerdings schon damals vermisst habe, war die Neugier darauf, wissen zu wollen, wie das neue System und Beteiligung daran eigentlich funktioniert. Das hat mich ziemlich ratlos gemacht.

Seitdem bin ich gerne und einmal im Jahr dort. Trotz der rechten Umtriebe, die allenthalben sichtbar und hörbar sind. Jenseits der 25 Prozent gibt es auch dort viele kluge und humorvolle und ausgesprochen fleißige Menschen, die ihre Unabhängigkeit schätzen. Und ja, ich verstehe sogar den Dialekt, schlimmer als Chinesisch ist das auch nicht.

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Naja neugierig waren wir schon , wollten nur unsere Erfahrungen aus erster Hand haben nicht vor sortiert . Und wie Du inzwischen sicher auch weißt , ist nicht jede/r Gesandte auch ein/e Geschickte/r . Viele der Belehrenden sind hier durch die Landschaft gegangen , wie die Axt durch den Wald . Sehr viele „Jammer-Ossies“ hatten auch Grund zum Jammern ; da hilft es auch wenig , ihnen zu sagen , dass Jammern sie auch nicht weiter bringt . Andererseits wussten auch nicht alle „Besser-Wessies“ alles besser , vor allem nicht , wenn sie kamen , um uns das Arbeiten beizubringen . Und wenn wir schon damals etwas ebenso gut konnten , wie der „gemeine Westdeutsche“ , dann war es die Angewohnheit , alles über einen Kamm zu scheren - Ausnahmen gab es natürlich hüben , wie drüben . Aber es gibt sicher nicht allzu viele Leute aus dem Osten , die noch nicht mindestens 10 mal irgendwo im Norden , Westen oder Süden waren , während sehr viele Altbundesbürger noch nie im Osten waren und wenn dann eher in Berlin . Du kannst davon ausgehen , dass die übergroße Mehrheit inzwischen gelernt hat , wie das System funktioniert . Was Dein Fach angeht , sieht das etwas anders aus , aber da sehen Hamburger sicher auch nicht klüger aus als Dresdner , es sei denn , sie sind auch Anwälte , deshalb schätze ich , dass Dein Eindruck etwas täuscht .

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Was sie davon halten, kannst Du hier lesen (in einem Forum, in dem sich übrigens auch Westdeutsche beteiligen):
https://www.forum-ddr-grenze.de/

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Ein paar Zitate:

„Desinteresse im Westen, Ernüchterung im Osten …“

„Zuerst Pegida auf die Straße und dann hat die AfD die Pegida ins Parlament geholt. Und das nutzen die Ostdeutschen, die haben jetzt eben dadurch ihre Mehrheiten, sie fühlen sich vertreten.“

„… das ist eine Chiffre für die Enttäuschung, die es auch gab, weil viele sich den Westen anders vorgestellt hatten. Denn: Die meisten kannten den Westen ja nicht und hatten Illusionen und dann kamen sie in der Realität an und die war nicht für alle gut.“

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Das Interessante für mich in dem von mir eingestellten Link zu dem „forum-ddr-grenze“ waren die zahlreichen Bekundungen, dass man, trotz aller Enttäuschungen, froh über den Mauerfall sei und sich die DDR nicht zurück wünsche.

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zum Mauerfall:

… sind Satiresendungen inzwischen die besseren Investigativberichte?

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Ein Blick von aussen.

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