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Reform des § 173 StGB / Liberalisierung des Inzest-Strafrechts


#1

Aufruf: Ich suche Mitstreiter
Kontaktart: Kommentar unter Beitrag
Inhaltliche Diskussion erwĂŒnscht?: Ja
Eine Initiative von: David
Bearbeitungsstatus: Fast Fertig
Redaktionsschluss: 30.06.

Einleitung:
Inzest scheint nach allen verfĂŒgbaren Daten in den westlichen Gesellschaften sehr selten zu sein. Betroffene schildern aber, wie schwierig ihre Situation angesichts der Strafandrohung ist. Sie fĂŒhlen sich in ihren grundlegenden Freiheitsrechten verletzt und zu Heimlichkeit oder Verleugnung ihrer Liebe gezwungen.
Daher fordern wir die Abschaffung des § 173 StGB, in dem der einvernehmliche Beischlaf zwischen Verwandten mit einer bis zu dreijÀhrigen Freiheitsstrafe geahndet werden kann.

Problembeschreibung:
Die Situation der Betroffenen wirft eine Reihe wichtiger moralischer und rechtlicher Fragen auf, die auf der Grundlage ausreichender Informationen und vorurteilsfrei diskutiert werden sollten. Insbesondere sollte geklĂ€rt werden, ob das Strafrecht das richtige Instrument fĂŒr einen angemessenen Umgang mit der Inzestthematik ist.

GrundsĂ€tzlich ist die Inzestdebatte enorm konfiktbehafet. Das liegt zum einen daran, dass sich die Diskussion der Strafbarkeit des Inzests meist mit der Diskussion ĂŒber den sexuellen Missbrauch ĂŒberschneidet, der in allen Staaten strafbar ist; zum anderen rĂŒhrt das Thema Inzest an ein in Deutschland offenbar fest verankertes Tabu.

International besteht kein Konsens ĂŒber die StrafwĂŒrdigkeit des Inzests. So ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz nur der Vaginalverkehr strafbar, in Liechtenstein dagegen auch Oral- und Analverkehr sowie gleichgeschlechtlicher Verkehr. In Frankreich wurde die Strafbarkeit von Inzest mit dem Code pĂ©nal français von 1810 abgeschafft. Belgien, die Niederlande, Luxemburg, Portugal, die TĂŒrkei, Japan, die US-Staaten New Jersey und Rhode Island, Argentinien, Brasilien und einige andere lateinamerikanische Staaten, die das französische Rechtssystem als Vorbild genommen haben, stellen Inzest ebenfalls nicht unter Strafe.

Das Inzesttabu ist in vielen Gesellschaften verbreitet; daraus kann jedoch nicht geschlossen werden, dass die von vielen Menschen geteilte emotionale Abwehr gegenĂŒber dem Inzest moralisch richtig wĂ€re. Auch der Umkehrschluss lĂ€sst sich daraus nicht ableiten. Es kann allerdings festgestellt werden, dass die Empfindungen vieler Menschen irritiert oder verletzt werden könnten, wenn das Inzesttabu angetastet wird. Dies allein jedoch ist kein Grund fĂŒr den mit der Strafdrohung verbundenen Eingriff in die persönlichen Grundrechte bei einvernehmlichem Inzest zwischen mĂŒndigen Geschwistern und zwischen Eltern und ihren mĂŒndigen Kindern. Das Strafrecht ist nicht das geeignete Mittel, ein gesellschaftliches Tabu zu bewahren. Aufgabe des Strafrechts ist es nicht, fĂŒr den Geschlechtsverkehr mĂŒndiger BĂŒrger moralische Standards oder Grenzen durchzusetzen, sondern den Einzelnen vor SchĂ€digungen und groben BelĂ€stigungen und die Sozialordnung der Gemeinschaft vor Störungen zu schĂŒtzen. Diesem Schutz dienen die Regelungen der §§ 174 ff. StGB („Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“) jedoch bereits in ausreichendem Maße.

Der EuropĂ€ische Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte (EGMR) hat in einer Entscheidung vom 12. April 2012 die Beschwerde eines in Deutschland wegen Inzests verurteilten Mannes gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts zurĂŒckgewiesen. Das Bundesverfassungsgericht hatte vier Jahre zuvor entschieden, dass die Gesetzesregelung des § 173 StGB mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Damit hatte es allerdings nicht gesagt, dass das strafrechtliche Inzestverbot nicht aufgehoben oder geĂ€ndert werden dĂŒrfe.

Forderungen
Wir fordern,

  1. den einvernehmlichen Beischlaf zwischen leiblichen volljÀhrigen Geschwistern zu entkriminalisieren.
  2. den einvernehmlichen Beischlaf mit Abkömmlingen und Verwandten, deren VerwandtschaftsverhÀltnis (durch Adoption) erloschen ist, zu entkriminalisieren.

Der reformierte StGB-Paragraf könnte folgendermaßen aussehen:

§173 Beischlaf zwischen Verwandten

(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft.

(4) Wer mit Abkömmlingen oder Verwandten den Beischlaf vollzieht, wird nicht bestraft, wenn das VerwandschaftsverhÀltnis erloschen ist.

Quellen
Die Initiative stĂŒtzt sich auf das PlĂ€doyer des Deutschen Ethikrates vom 24. September 2014 zur Revision des § 173 StGB, den einvernehmlichen Beischlaf unter erwachsenen Geschwistern kĂŒnftig nicht mehr unter Strafe zu stellen (s. http://www.ethikrat.org/dateien/pdf/infobrief-01-15.pdf)

Das Justizministerium hat sich geweigert diesem PlÀdoyer des Ethikrates zu folgen.


#2

Guten Abend @davpol,

kann es sein, dass Dein Quellenhinweis verwirrend formuliert ist?
Ich frage, weil ich einige Bereiche auch fĂŒr nicht Strafrechts-Relevant halte, solange die Einvernehmlichkeit unter Erwachsenen stattfindet.
Wobei AbhĂ€ngigkeiten eine große Rolle spielen können. Ein “schwieriges” Thema, dem ich mich nur deshalb stelle, weil es mir um Gerechtigkeit geht. Die, der Gesellschaft gegenĂŒber der Liebe unter Erwachsenen, frei von irgendwelchen AbhĂ€ngigkeiten.
Ich betrachte meinen Beitrag als mögliche Horizont-Erweiterung, da ich mich als davon unbetroffen wÀhne.


#3

Hallo @davpol,

ich muss auch sagen, dass es sich hier um ein schwieriges Thema handelt. Ich schließe mich deiner Quelle an, dass das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung beim Beischlaf von volljĂ€hrigen Geschwistern oder zweier nicht volljĂ€hriger Geschwister ĂŒberwiegt und zumindest dieser Aspekt entkriminalisiert werden sollte. Beim Beischlaf zwischen Eltern und volljĂ€hrigen/mĂŒndigen Kindern, habe ich jedoch meine Bedenken und bin noch nicht ĂŒberzeugt, dass hier das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung ĂŒberwiegt. Diese Bedenken gelten insbesondere, wenn es sich wie in deiner Quelle beschrieben um einen (festen) Familienverbund handelt. In dieser Hinsicht hat der Ethikrat, soweit ich das deiner Quelle entnehme, auch (bisher) keine Entscheidung getroffen. Ich wĂŒrde daher eher fĂŒr eine Änderung des § 173 StGB plĂ€dieren.


#4

Ich denke auch, das Änderung besser passen wĂŒrde, da “leibliche Abkömmlinge” (was fĂŒr ein blöder Begriff) auch Eltern - Kind Beziehungen einschließt, welche durch die Beziehung und das ggf. entstanden “AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis” beider Parteien schwierig zu bewerten ist.


#6

Hallo zusammen, herzlichen Dank fĂŒr eure ausfĂŒhrliche und konstruktive Auseinandersetzung mit dieser schwierigen Thematik.

Beachtet bitte, dass der Beischlaf unter Verwandten gemĂ€ĂŸ § 173 offenbar ein Ă€ußerst selten vorkommendes PhĂ€nomen ist. Laut der aktuellsten Polizeilichen Kriminalstatistik wurden 2015 deutschlandweit nur 12 Personen gemĂ€ĂŸ § 173 abgeurteilt.(https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Rechtspflege/StrafverfolgungVollzug/Strafverfolgung2100300157004.pdf?__blob=publicationFile, S. 30). Es gab also (ohne Einrechnung einer möglicherweise vorhandenen Dunkelziffer) im Jahr 2015 nur 6 inzestuöse Beziehungen. Es handelt sich hierbei also um ein völlig vernachlĂ€ssigbares „Problem“.

@leonbohmann Dein Einwand ist berechtigt, ein erhöhtes Risiko fĂŒr das Auftreten genetisch bedingter Krankheiten im Vergleich zu Kindern aus nichtinzestuösen Beziehungen wird durch die Forschung belegt. Je enger das VerwandtschaftsverhĂ€ltnis zwischen den Sexualpartnern, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit einer genetisch bedingten Anomalie bei den Nachkommen. (https://www.mpicc.de/de/forschung/forschungsarbeit/gemeinsame_projekte/inzest/inzest_krim.html). Solche höheren Wahrscheinlichkeiten treten jedoch bei allen Sexualpartnern mit Erbkrankheiten auf, die Nachkommen auf die Welt bringen. Auch solchen Menschen verbietet der Staat u.a. aufgrund der negativen Erfahrungen mit der Eugenik in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts zurecht nicht das Kinderkriegen. Auch Menschen mit Erbkrankheiten gehören zu unserer Gesellschaft und verdienen den gleichen Respekt und haben die gleichen Rechte wie Menschen ohne Erbkrankheiten. Ich möchte nicht, dass sich der Staat einem Selektionswettlauf hin zu einem optimierten „Supermenschen“ verschreibt. Das Ethikrat sieht das genauso: „Die Mitglieder des Deutschen Ethikrates lehnen eugenische StrafgrĂŒnde (
) einstimmig ab. Mit guten GrĂŒnden wird die Entscheidungsfreiheit ĂŒber die Verwirklichung eines Kinderwunsches und die damit verbundene individuelle Risikobewertung in der heutigen Gesellschaft zum unantastbaren Kernbestand des Persönlichkeitsrechts gezĂ€hlt. Eugenische GrĂŒnde sind daher also auch in der Beurteilung der Inzestproblematik nicht mehr zulĂ€ssig.“ (Quelle s.o.)

Ich versuche mal eure Position (@Thomas @TobiAC @ThomasK @leonbohmann) zusammenzufassen: Ihr könnt euch mit dem Gedanken anfreunden, den Beischlaf zwischen volljĂ€hrigen Geschwistern zu entkriminalisieren, steht jedoch skeptisch bzw. ablehnend der Entkriminalisierung einer einvernehmlichen inzestuösen Eltern-/Kind-Beziehung gegenĂŒber.
Ich persönlich wĂŒrde mal behaupten, einvernehmliche inzestuöse Eltern-/Kind-Beziehungen (im Familienverbund) gibt es ĂŒberhaupt nicht. Laut einer Theorie des finnischen Anthropologen Westermarck gibt es eine „natĂŒrliche Inzestscheu“ gegenĂŒber Personen, mit denen man von Kindheit an eng vertraut ist. Diese Theorie stimmt auch mit meiner medialen Wahrnehmung der Presseberichterstattung ĂŒberein, der zufolge sĂ€mtliche FĂ€lle von einvernehmlichem inzestuösen Geschwister- bzw. Eltern-/Kind-Inzest in FĂ€llen vorkommen, in denen sich die Wege der betroffenen Personen in frĂŒhester Kindheit getrennt haben und die sich erst wieder als Erwachsene kennen und lieben gelernt haben (s. z.B. https://www.welt.de/vermischtes/article160310662/Sie-liebt-ihren-Sohn-und-will-ein-Kind-mit-ihm.html oder https://www.odt.co.nz/news/dunedin/court-news/father-and-daughter-sentenced-over-incest).
Nicht-einvernehmliche inzestuöse Eltern-Kind-Beziehungen, die aus einem AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnis heraus entstehen, gibt es verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig viele, diese werden jedoch gemĂ€ĂŸ §176 ff. als sexueller Mißbrauch von Kindern/Jugendlichen gewertet und entsprechend auch mit hĂ€rteren Freiheitsstrafen geahndet. Daher erĂŒbrigt sich in solchen FĂ€llen meiner Meinung nach § 173.

Ich bin also immer noch ĂŒberzeugt, dass wir aus GrĂŒnden der Gerechtigkeit und des sexuellen Selbstbestimmungsrechts Inzest komplett entkriminalisieren sollten. Denkt mal an die langwierige Debatte um die Entkriminalisierung der HomosexualitĂ€t. So wie wir heute mit UnverstĂ€ndnis auf die damaligen Diskussionen und die spĂ€te Entkriminalisierung reagieren, so werden auch kĂŒnftige Generationen unseren gesamtgesellschaftlich zögerlichen Umgang mit der Inzestthematik scharf kritisieren.

Seien wir mutig und wagen den Schritt in die Zukunft!


#7

Ich grĂŒĂŸe dich, davpol!

Gibt es ein Recht auf ein Kind? Sind Kinder GebrauchsgegenstÀnde? Gegen wen soll so ein vermeintliches Recht geltend gemacht werden können?

“NatĂŒrliche Inzestscheu”: das lĂ€sst sich auch einfacher benennen. Eltern (Erwachsene) haben im Wesentlichen andere BedĂŒrfnisse bezĂŒglich ihrer emotiobnal-sexuellen Ebene als Kinder. Der Erwchsene muss also zum Kind werden, wenn er etwas miit Kindern in dieser Form anfangen will, oder das Kind zum Erwachsenen, was nicht geht.
Was diesbezĂŒglich leider oft in unserer Gesellschaft vorkommt, ist ein scheinbar erwachsenes Verhalten besonders von MĂ€dchen, die aufreizende Bekleidung und erotisches Gehabe an den Tag legen. Aber auch hier geht es nicht wirklich um den Wunsch nach Geschlechtsverkehr sondern um den Versuch irgendwie etwas Liebe - kindliche Liebe - zu bekommen.

Soweit fĂŒr jetzt.
Gruß von
Raimar Ocken


#8

Lieber @davpol,

erlaube mir bitte, dieses Argument sehr zu bezweifeln.
Die diesbezĂŒgliche Dunkelziffer ist nach meinem Wissen um ein Vielfaches höher.
Aus Scham der Angehörigen und Angst, solche AktivitĂ€ten an die Öffentlichkeit zu bringen, geschehen diese Dinge hinter verschlossenen TĂŒren und werden seltenst geahndet.

Ich habe den Bericht des Ethikrates nachgelesen und wundere mich allerdings ĂŒber deren Abschluss:

“Auch das abweichende Votum verkennt
nicht, dass unter der Geltung des § 173 StGB
manche Paare in eine tragische Lebenssituation
geraten. Dem könne aber fĂŒr bestimmte
Konstellationen auch ohne gesetzgeberische
Intervention im Prozess der Rechtsanwendung,
z. B. durch die Einstellung eines
staatsanwaltlichen Verfahrens, Rechnung
getragen werden.”

Also wenn es Dir @davpol, genau darum geht, sehe ich auch, dass eine neue politische Forderung erforderlich wird.


#9

Ich wĂŒrde noch immer fĂŒr eine Änderung des § 173 plĂ€dieren. Um ein paar Gedanken hierzu Ă€ußern zu können, wie das konkret ausschauen könnte, poste ich einfach mal den entsprechenden Gesetzestext und danach folgend meine Änderungen:

Aktuelle Fassung (https://dejure.org/gesetze/StGB/173.html)

(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft; dies gilt auch dann, wenn das VerwandtschaftsverhÀltnis erloschen ist. Ebenso werden leibliche Geschwister bestraft, die miteinander den Beischlaf vollziehen.

(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft, wenn sie zur Zeit der Tat noch nicht achtzehn Jahre alt waren.

Vorschlag:
(1) Sofern das VerwandschaftsverhÀltnis nicht erloschen ist, wird wer mit einem leiblichen Abkömmling Beischlaf vollzieht mit einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Sofern das VerwandschaftsverhÀltnis nicht erloschen ist, wird wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht mit einer Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(3) entfÀllt

Kommentar
Mit diesem Vorschlag wĂŒrde der Beischlaf zwischen zusammenaufwachsenden Geschwistern, getrennt aufwachsenden Geschwistern auch nach dem 18. Lebensjahr entkriminalisiert.

Der Beischlaf zwischen Verwandten aufsteigenden Grades (Eltern mit Kindern, Großeltern mit Enkeln) stellt dann immernoch einen Straftat bestand da, um dem besonderen SchutzverhĂ€ltnis ziwschen Eltern/Kindern, Großeltern/Enkelkindern, etc. Rechnung zu tragen. Meines Erachtens wĂŒrde eine Entkriminalisierung des Beischlafes hier das besondere SchutzverhĂ€ltnis, welches auch nach dem 18. Lebensjahr fortbesteht, untergraben.

Sobald das Kind von einer anderen Familie adoptiert wurde und somit in einem anderen Familienverbund aufwÀchst, wÀre ein Beischlaf zwischen leiblichen Eltern und Kindern wieder entkriminalisert, da hier das VerwandschaftsverhÀltnis erloschen ist (http://www.familienrecht-ratgeber.de/familienrecht/adoption/content_02.html).

In den § 174 StGB lĂ€sst sich dieser Aspekt nur schwierig unterbringen, da “Schutzbefohlene” nur Personen unter 18 Jahren sind.


#10

Nur meine ganz persönliche Meinung:
Sollten wir dieses Thema nicht erst zu einem spÀteren Zeitpunkt angehen?
Man stelle sich vor, die Bildzeitung macht aus DiB die Inzestpartei
 dann könnten wir einpacken bevor wir richtig angefangen haben. Wie gesagt, nur meine ganz persönliche Sorge!


#11

Hallo @anon50756271, danke fĂŒr deinen Debattenbeitrag.

Deine Frage nach dem “Recht auf ein Kind” ist durchaus berechtigt und wird ja auch in der Gesellschaft immer wieder kontrovers diskutiert. Eine einfache Antwort darauf kann und sollte es nicht geben.
Bei dieser Initiative möchte ich jedoch gerne vom gesellschaftlichen Status quo ausgehen, demzufolge jeder Mensch in Deutschland sich im Sinne des individuellen Selbstbestimmungsrechts fortpflanzen darf, also ein “Recht auf ein Kind” tatsĂ€chlich besteht. Dies betrifft ja auch Paare mit Erbkrankheiten, bei denen ein erhöhtes Risiko der Weitergabe an die Nachkommenschaft besteht. Ich persönlich sehe nicht, weshalb man Paaren in inzestuösen Beziehungen diesen Wunsch nicht auch gewĂ€hren sollte. Ein erhöhtes Risiko bedeutet ja nicht, dass das Kind mit 100%iger Sicherheit geschĂ€digt ist: “In der grĂ¶ĂŸten Untersuchung zum Thema hat eine tschechische Genetikerin 161 Kinder aus Inzestbeziehungen erfasst - 44 Prozent von ihnen waren geistig behindert, zwei Drittel davon schwer.” (http://www.sueddeutsche.de/wissen/risikofaktor-inzest-was-steckt-hinter-dem-tabu-1.270521). Dieser Studie zufolge hat also die Mehrheit der Kinder aus inzestuösen Beziehungen keine BeeintrĂ€chtigungen.
Außerdem geht ja nicht aus jeder inzestuösen Beziehung ein Kinderwunsch einher.

@Thomas Darf ich wissen, woher du dein Wissen beziehst? Laut Ethikrat handelt es sich bei Inzest ja um ein sehr seltenen PhĂ€nomen. Es gibt wohl eine Dunkelziffer, die dĂŒrfte meiner Vermutung nach jedoch keinesfalls im dreistelligen Bereich liegen.

@M.Poland Ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit wĂŒrde uns im Moment nicht schaden. Außerdem: Diejenigen BILD-Leser, die wir dadurch verlieren, machen wir in progressiv-liberalen Kreisen mehr als wett.
Wir mĂŒssen uns zudem auch inhaltlich von anderen Parteien abgrenzen: Eine vierte linksorientierte Partei, die die gleichen inhaltlichen Positionen vertritt wie die anderen drei, wird zurecht die 5%-HĂŒrde niemals ĂŒberspringen. Das sollte allen hier bei DiB bewusst sein. Ich sehe auf der Abstimmungsplattform im Moment leider viel “alten Wein in neuen SchlĂ€uchen”.

Nach intensiver Reflexion bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass eine völlige Entkriminalisierung des Inzests im Moment auch bei DiB nicht mehrheitsfĂ€hig ist. Daher entschĂ€rfe ich meinen Antrag und fordere nur noch eine Entkriminalisierung des Geschwister-Inzest, sowie, auf den Impuls von @TobiAC, eine Entkriminalisierung von Beziehungen, in denen das VerwandtschaftsverhĂ€ltnis (durch Adoption) erloschen ist. Inzestuöse Beziehungen zwischen Eltern und ihren volljĂ€hrigen Kindern bleiben aufgrund des nach wie vor bestehenden AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnisses verboten.

Daher meine neue Forderung:

Wir fordern,

  1. den einvernehmlichen Beischlaf zwischen leiblichen volljÀhrigen Geschwistern zu entkriminalisieren.
  2. den einvernehmlichen Beischlaf mit Abkömmlingen und Verwandten, deren VerwandtschaftsverhÀltnis (durch Adoption) erloschen ist, zu entkriminalisieren.

Der reformierte StGB-Paragraf könnte folgendermaßen aussehen:

§173 Beischlaf zwischen Verwandten

(1) Wer mit einem leiblichen Abkömmling den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Wer mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender Linie den Beischlaf vollzieht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(3) Abkömmlinge und Geschwister werden nicht nach dieser Vorschrift bestraft.

(4) Wer mit Abkömmlingen oder Verwandten den Beischlaf vollzieht, wird nicht bestraft, wenn das VerwandschaftsverhÀltnis erloschen ist.

@leonbohmann @Thomas @ThomasK


#12

Lieber @davpol,
wenn Du in alle Texte volljÀhrig aufnimmst, beantwortet das viele Zweifelsfragen im Voraus.
Was meine Dunkelziffer-“Quelle” angeht, muss ich aktuelle Werte finden. Meine erwĂ€hnte Quelle ist schon alt. MĂŒhe mich.
LG


#13

MinderjÀhrige sind bereits als Schutzbefohlene von Eltern/Verwandten in § 174 StGB gesondert behandelt. (https://dejure.org/gesetze/StGB/174.html).
@Thomas @davpol


#16

Die polizeiliche Statistik in diesem Fall zu verwenden, ist genauso wie KapitaleinkĂŒnfte auszuklammern wenn ich etwas ĂŒber Armut erfahren will! Wenn du von einer “möglicherweise vorhanden Dunkelziffer” sprichst, blendest du fĂŒr mich ein StĂŒck weit die RealitĂ€t aus! Warum? Du scheinst dich intensiv mit dem Thema befasst zu haben und solltest es besser wissen.

Man kann nicht von der Theorie zum Einzelfall schließen!

Wieso soll das Tabu Sex im familiĂ€rer Umfeld denn aufgelockert werden? Wie du und andere darstellen gibt es gewaltige EinwĂ€nde und Probleme, die daraus entstehen. Argumentation und Forschungsstand sind fĂŒr mich persönlich extrem dubios, da ich kein Experte bin. Vielleicht kannst du ganz kurz erklĂ€ren worin der “Mehrwert” (bitte nicht falsch verstehen!) und der Sinn in dieser Initiative liegen soll? Nicht fĂŒr die Betroffenen, das konnte ich halbwegs nachvollziehen. Aber wo liegt der gesellschaftliche Sinn? Blendest du dabei nicht die negativen Folgen dieser Enttabuisierung aus?


#18

Ich kann es nicht besser sagen. Das einzige, was zum Schutz des Kindes verboten sein sollte, ist, ein Kind mit einem Verwandten zu bekommen (Inzest ruft Erbkrankheiten hervor). Ich bin ehrlich gesagt schockiert, dass Menschen, die alt genug sind, nicht frei ĂŒber die Wahl ihres Sexualpartners bestimmen sollen - mir war das nicht bewusst. Das geht den Staat gar nichts an. Daher verstehe ich nicht

weshalb selbst in der ĂŒberarbeiteten Fassung noch von Strafen die Rede ist.

Wann erlischt denn ein VerwandschaftsverhÀltnis? Entweder ist jemand Verwandter oder nicht. Entweder ist jemand Bruder/Schwester/Mutter/Tante
 oder nicht.

(Humor Oft werden Menschen sogar genau in dem zeitlichen Umfeld verwandt, in dem sie oft Sex haben!)


#19

Diese Initiative wurde bereits eingereicht (siehe Kategorie “Eingereichte Initiativen”) und wurde in der Abstimmung im Plenum nicht angenommen.

:heart: Die Moderation


#20

Gibt es denn eine Möglichkeit, die Argumente nachzulesen, die es dazu gab? Insbesondere die pro-contra-Argumente, die es im Plenum dazu gab, wĂŒrden mich interessieren :slight_smile:


#22

Leider nicht aber du kannst dich mit @sabine @davpol und @TobiAC dazu austauschen, sie haben die Initiative auf das Plenum gebracht und koennen den Verlauf der Diskussion sicher noch erinnern @ronja.


#23

Diese Diskussion hat in den letzten Monaten keine BeitrÀge mehr bekommen und wird jetzt als abgeschlossen betrachtet.

Ellen fĂŒr das Moderationsteam


#24