Gottes Gärtchen Saarland

ein genialer Zeitungsartikel, erschienen in der ZEIT 16/1989

Gottes Gärtchen Saarland

Die Launen und Kriege der Herrscher zogen Grenzen, die heute nicht mehr trennen
14. April 1989, 8:00 Uhr Aktualisiert am 21. November 2012, 20:21 Uhr

Von Wolfgang Boller

"Gott war der Ebenen müde. Ihm schien, als hätte Er seine Schöpferkraft vergeudet an Sandwüsten, an Dschungel und Ozeane. Er hatte auch genügend Berge aufgerichtet, und die Erde war noch immer nicht vollendet. Da nahm Er vom Werkstoff, der Ihm geblieben war, Buntsandstein und Muschelkalk, Schiefer und roten Sand und feilte zwischen Hochwäldern und Kalkplatten ein Gärtchen nach Seinem Herzen. Er modellierte Hügel und Talauen, Obstbaumhaine und Ackerplateaus, verknüpfte glitzernde Bäche mit einer Wasserstraße, zeichnete Orchideenwiesen ein, Uferhänge mit Rebenzeilen.

Im Boden verbarg Er Steinkohle, um die Begehrlichkeit der Nachbarvolker zu wecken, denen Er für die Dauer einer göttlichen Sekunde das Schicksal feindlicher Bruder zugedacht hatte. Er legte die Flöze quer durchs Gärtchen wie einen versunkenen Pfahl und schichtete schließlich einen Buntsandsteinberg auf, der die Zeitdimension des dritten Schopfungstages wiedergibt. Sein Alter wird auf 230 bis 260 Millionen Jahre geschätzt: Er wuchs durch Ablagerungen in tausend Jahren jeweils einen Zentimeter.

Grenzen hat Er nicht markiert. Weder durch Flüsse noch Felswände, obwohl es Ihm ein leichtes gewesen wäre. Er hat lediglich ein Ländchen zwischen drei Großlandschaften gebastelt, die einmal Hunsruck, Saar-Nahe-Bergland und Lothringisches Stufenland heißen sollten. Er hat auch den Fluß, dessen Schleife Ihn in himmlisches Entzücken versetzte, nicht Saar und das Gärtchen nicht Saarland genannt.

Grenzen gab es, seit Menschen zwischen Rhein und Mosel siedelten, Stammesgrenzen, Besatzergrenzen. Meist verliefen sie weit draußen: die Grenzen von Germania Inferior und Germania Superior, zwischen Franken und Alemannen, Austrien und Neustrien, den Hausern Bourbon und Habsburg-Lothringen, dem Kaisertum Frankreich sowie den Großherzogtümern Hessen und Baden.

Als politisches Territorium ist das Land an der mittleren Saar (neunzig von 246 Kilometern und nur dort, von Saargemund bis Dillingen, auf rund fünfzig Kilometern schiffbar) ein Geschöpf der Weltkriege. Davor kamen an der Uhrigsmühle beim Dorf Bliesmengen die Grenzen dreier Reiche zusammen: Frankreich, Preußen und Bayern. Nach dem Willen des Saarstatuts im Vertrag von Versailles (1919) entstand aus abgetrennten Teilen der preußischen Rheinprovinz und der bayerischen Pfalz das Saargebiet mit französischer Option. Zweimal bestimmten die Saarländer durch Volksentscheid ihre nationale Zugehörigkeit 1935 entschieden sie sich zu mehr als neunzig, zwanzig Jahre danach zu annähernd siebzig Prozent für Deutschland. 1957 wurde das Saarland der Bundesrepublik als zehntes Bundesland angegliedert. Den Begriff Saargebiet hört man an der Saar noch heute mit Unwillen.

Das Ländchen liegt auf halbem Weg an der Straße nach Paris, fast schon einerlei, von welcher Richtung aus Deutschland man kommt. Es ist, von den Stadtstaaten abgesehen, das kleinste Bundesland (2567 Quadratkilometer) mit dem größten Durchmesser von 55 Kilometern in nord-südlicher und 85 in ost-westlicher Richtung. Von 340 Kilometern Landesgrenze teilt es 150 mit Frankreich und zwölf mit Luxemburg. In der zusehends bedeutungsloser werdenden Industriegasse von Dillingen über Saarbrücken bis Neunkirchen werden jährlich etwa zehn Millionen Tonnen Steinkohle gefordert und vier Millionen Tonnen Rohstahl produziert.

In vier von sieben Landkreisen aber ist das Saarland eine Sommerfrische mit Wäldern (33 Prozent) und mehr als der Hälfte Ackerland, mit der „Merziger Apfelkischt“, den Weingärten von Perl und dem Kornkämmerchen im Bliesgau. Es gibt vierzehn Städte, zwei Europastraßen (E 422 und E 50) und einen Flughafen, aber drei Binnenseelandschaften, 28 Nebenflüsse der Saar und über vierzig Naherholungsgebiete. Allein im größten (sprich: „Grünen“) Landkreis Merzig-Wadern liegen drei unterschiedlich strukturierte Ferienlandschaften: Schwarzwälder Hochwald mit dem Schimmelkopf (695 Meter) als höchste Erhebung, das Hügelland zwischen Saar und Prims und den Saargau.

Das Landchen ist frankophil. Die Saarländer sagen: „Guter Nachbar an der Wand ist besser als Bruder über Land.“ Sie waren beides, Nachbarn und Brüder, hier wie dort, und wenn sie nicht gleiche Kappen trugen und eine Mundart sprachen, dann lag es weniger an ihrer mangelnden Friedfertigkeit und Menschenfreundlichkeit als an machtpolitischen Entscheidungen, verletztem Nationalstolz, Rachsucht und Aggressionen, die nicht aus ihnen kamen. Gegen Ende der göttlichen Sekunde war viel Blut geflossen. Die Festung Saarlouis, die Fortifikation des Schloßbergs glich einem von Maden zerfressenen Apfel, die Spicherer Höhen und die Soldatenfriedhöfe, hier wie dort, sind Monumente historischer Irrtümer.

Die Grenze hat ihre Dominanz verloren. Sie hat auch keine Faszination mehr. Sie ist mitten in Europa fragwürdig geworden. An Straßen nach Frankreich gibt es 22 Zollstationen (und zwei nach Luxemburg) – im Durchschnitt eine im Abstand von sechs bis sieben Kilometern. Manche sind hüben und/oder drüben nicht besetzt. Die Archäologen und ihre Studenten passieren zwischen den deutschen und französischen Ausgrabungsfeldern von Reinheim und Bliesbruck die Grenze über unkontrolliertes Niemandsland mit Weißdornhecken und blühenden Löwenzahnwiesen, ohne es auch nur zu merken.

Ähnlich ergeht es Radfahrern, Reitern und Wanderern auf dem Saarland-Rundwanderweg. Der Pfad beschreibt über 370 Kilometer (einschließlich Mosel- und Bliesgauschleife) eine schnörkelige Ellipse ums grüne Herz des Ländchens. Er berührt fünfzig Dörfer, zwei Stauseen und eine Talsperre, einen Golfplatz, zwei Kurorte, drei Wildgehege, fünf Freibäder, sechs Aussichtsgipfel und zwölf Naherholungsgebiete. Er führt zu römischen Ausgrabungen, verlassenen Abteien, Burgruinen, Weinhügeln und einem Mithrasheiligtum. Auf vergessenen Bergmannstrampelpfaden setzt sich der Wanderweg bisweilen über die Grenze hinweg. Der liebe Gott hat im Schöpfungsrausch zwischen Hahnbüsch und Bois de Steigberg kaum spürbare Unterschiede gemacht.

Der Rundwanderweg reiht gleich einer Kette fast alle Verlockungen des Ländchens aneinander: die Ausgrabungsfelder von Reinheim und Bliesbruck, das 2400 Jahre alte Grab einer Fürstin oder Priesterin sowie einen gallo-römischen Kultplatz in Lothringen mit Opfergruben und Votivschächten, eine Kleinstadt aus dem 1. bis 3. Jahrhundert mit Erzgießereien, Bäckereien und Töpfereien; östlich das römische Freilichtmuseum von Schwarzenacker, die größte keltisch-römische Landstadt zwischen Rhein und Mosel mit einem Haus des Augenarztes und einem einzigartigen Säulenkellerhaus westlich Nennig mit einem makellos erhaltenen römischen Mosaikfußboden (Gladiatorenkämpfe); ferner die Schloßberghöhlen, ein kilometertiefes Verteidigungslabyrinth im Buntsandstein (Kasematten in zwölf Etagen übereinander), vollendet von dem französischen Festungsbaumeister Vauban und die Skulpturenstraße zwischen St. Wendel und dem Petersberg sechzehn monumentale Bildhauerarbeiten, an Ort und Stelle von internationalen Künstlern aus Blöcken von Sandstein, Marmor und Granit gehauen: auf dreißig Kilometer eine Hommage für Otto Freundlich („Liebesthron“, „Requiem für die Juden“, „Lebensschiff“), weiter die gastfreundliche Manufaktur von Villeroy und Boch mit Ausstellungen kostbarer Glaser und Geschirre, Werkdemonstrationen und Direktverkauf von Porzellan durch verschiedene Geschäfte in Mettlach; schließlich im Merziger Kammerforst das Wolfsfreigehege des besessenen Züchters, Hegers und Wolfsrudelführers Werner Freund („Ich bin ein Wolf“) mit zwanzig Alaska- und Timberwölfen.

Am Weg liegen auch die beiden größten Sehenswürdigkeiten des Saarlands: die Saarschleife bei Orscholz mit dem Aussichtsfenster Cloef (gleich Sporn, Klippe) und das Festungsstädtchen Saarlouis mit seinen Kasernen und Kasematten, Marktplätzen und Bastionen.

Saarlouis, so scheint mir, ist ein Inbegriff saarländischer Zerrissenheit zwischen Neigung und Trotz, Schicksalsergebenheit und spontanen Wutanfällen, Rechthaberei und Toleranz, Gutmütigkeit und bissigem Esprit. Saarlandern entfahrt schon einmal im Zustand der Erregung der Ausruf „Gradzelääds“. Das ist der Stoßseufzer einer bedrängten, aufbegehrenden Seele mit der Bedeutung: Jetzt erst recht!

Der Sonnenkönig Ludwig XIV. befahl das Bollwerk Saarlouis zur Sicherung der französischen Ostgrenze. Er verlieh Stadt und Festung seinen Namen, noch ehe es beide gab, und würdigte sie mit den Lilien seines Wappens. Nach dem Sturz Napoleons übernahmen die Preußen die Festung, und Frankreich sah bestürzt die Kanonen nunmehr auf sich gerichtet – zur Sicherung der preußischen Westgrenze. Garnison war Saarlouis in der Vergangenheit immer gewesen, und die Bewohner waren es, so oder so, im großen und ganzen zufrieden.

Beim Abzug 1815 ließen die franzosischen Truppen unwissentlich einen Wachsoldaten zurück – den Poilu Lacroix. Es wird erzählt, daß er in der Nacht zuvor mit einheimischen Freunden so ausgiebig gezecht hatte, daß er den allgemeinen Aufbruch seiner Truppe verschlief, und als er stark verspätet auf der Bastion – genannt „Halber Mond“ – den Wachdienst antreten wollte, seien seine Kameraden Bereits in Metz gewesen. Natürlich hat keiner dem Lacroix ein Haar gekrümmt. Er erlangte vielmehr, des allgemeinen Mitleids gewiß, in Saarlouis eine kleine Unsterblichkeit. Die Bürger setzten ihm auf dem „Halben Mond“, inzwischen nach Vauban benannt, ein Denkmal und widmeten ihm eine Straße. Noch heute sagen sie beim Anblick eines verdatterten Mannes: „Der steht da wie der Lacroix.“

Saarlouis rühmt sich, acht Marschälle, neun Generäle und drei Admirale hervorgebracht zu haben. Der berühmteste, Maréchal Michel Ney, Napoleons „Tapferster der Tapferen“ (1815 in Paris wegen Hochverrats erschossen), wurde in der Biergass/rue de la biere, gut hundert Jahre später der Schutztruppengeneral von Lettow-Vorbeck in der Silberherzstraße geboren. Beiden wurden Ehren zuteil: diesem die Ehrenbürgerwürde und eine Straße, jenem ein Denkmal: auf dem „Halben Mond“ mit dem Lacroix.

Das Saarländerherz ist vielfach gewandelt und gewendet. Einige Jahre hieß die schmucke Festungsstadt Saarlautern – doch das ist eine häßliche Erinnerung. Der Große Markt war Paradeplatz französischer und preußischer Garnisonssoldaten, die Post ursprünglich Amtssitz erst des französischen Gouverneurs, dann des preußischen Kommandanten. In den Kasematten beim Deutschen Tor (mit preußischem Adler und preußischer Krone) findet sich heute die längste Theke der Stadt mit einem Dutzend Restaurants. Es gibt noch vier Kasernen (Polizeiinspektion, Museum und Stadtbibliothek, Galerie Kleiner Markt, Wohnungen) und die Regenrinnen aus der Festungszeit. Die Gobelins und Barocksessel im Festsaal des Rathauses sind Geschenke Ludwigs XIV. Die Deutsche Straße führt zum Großen, die Französische zum Kleinen Markt, in der Ludwigskirche wird die Urne mit dem Herz des ersten französischen Gouverneurs aufbewahrt, ein Ehrenmal in den Anlagen am Altarm der Saar (fünf Kilometer Spazierweg mit Rampen und Treppen) bewahrt das Gedenken an die gefallenen Kämpfer der Ehrenlegion („A Nos Morts“). Gradzelääds.

Die Ethnologen lehren, daß im Saarland ein rheinfränkischer Dialekt gesprochen wird. Vermutlich ist ihnen nicht entgangen, daß die Umgangssprache eine Fülle von Begriffen aus dem Französischen vereinnahmt hat, viele Wörter des rheinfränkisch-pfälzischen Stamms klingen nur so. Die Saarländer sagen Bredullje und Fisematente, Lameng und Plafong, Riddo und Trottwa, wenn sie nach einem Ausdruck für Schwierigkeiten, handwerkliche Routine, Zimmerdecke, Vorhang und Bürgersteig suchen. Beim Auseinandergehen ermuntern sie sich mit „allee“ (von aller) und grüßen mit „salü“.

Wenn eine Saarländerin Modebewußtsein offenbart, setzt sie sich zuverlässig dem spöttischen Klischee aus, daß sie „Pariser Schickelcher“ hätte, aber „Sulzbacher Fieß“, und wenn sich ein professioneller Gastronom selbständig macht, ist er gut beraten, die Herkunft seiner Kunst von der Armeleuteküche der Bergmannsfamilien nicht zu verleugnen. Auf Konsolen der Saarbrücker Rathausfassade stehen die Vertreter der wichtigsten saarländischen Berufe in Stein gemetzt: Bergmann, Eisenhüttenmann, Bauer, Bierbrauer, Gerber und Handelsherr. Solche Männer schätzen deftige Mahlzeiten, und so ist die Küche der Saar bei allem segensreichen Einfluß welscher Gourmandise doch handfest und redlich geblieben. In den schiefen Kopfsteinpflastergassen von Saarlouis oder in der St. Johanner Altstadt von Saarbrücken riecht es nach gebackenen Lyonerscheiben in Griebenschmalz, nach Kartoffelpuffer und Zwiebelschwenkbraten. Volksmund: „Der Mensch denkt, Gott lenkt, und der Saarländer schwenkt.“ Möglicherweise wird er Champagner dem Sekt und Cognac dem Weinbrand vorziehen, aber er läßt auch nichts auf sein Bier und den sauren Viez kommen, auf seinen Dibbelabbes, wie hierzulande Kartoffelkuchen, und seine Knepp, wie Klöße genannt werden. Über den Erfolg eines Gastmahls entscheidet die Menge des Gebotenen. Und: „Haubdsach, mir ham gudd gess.“

Diese Saarländer! Viele tragen römische oder französische Namen, sie sind Vereinsmeier und Weltbürger, tagsüber greifen sie gern nach ofenwarmen Croissants und Café au lait in dicken Henkeltassen, sie trinken Bier in gleichen Mengen wie die Bayern, kippen Gauwhisky (Obstler) und Hundeärschlschnaps (gebrannte Mispeln) und stehen nach dem Ende ihrer Eisenzeit noch sehr verdattert da – halt wie der Lacroix. Sie pflegen Partnerschaften mit französischen und russischen Städten, kultivieren einen deutsch-französischen Garten mit Ehrengräbern beider Nationen und haben bereits eine Stiftung für den grenzübergreifenden „Europäischen Kulturpark Bliesbruck-Reinheim“ ins Leben gerufen. Im Dorf Leidingen auf dem Muschelkalk verläuft die deutsch-französische Grenze entlang der Hauptstraße.

Vom Westwall des Zweiten Weltkriegs sind im Saarland noch Panzersperren übriggeblieben. In der Nähe von Baltersweiler nördlich von St. Wendel haben Kinder die Betonhöcker mit bunter Farbe bemalt.

Vielleicht sind diese Saarländer am Ende ihrer Eisenzeit die ersten Europäer."

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Ein schöner Artikel und gerade der Punkt, dass man ohne es zu merken Staatsgrenzen überschreitet gehört hier irgendwie dazu.

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