„Einfach so entschieden.“ - Schule und Corona Teil 4

Original Veröffentlichung: Schule und Corona Teil 4 | DEMOKRATIE IN BEWEGUNG

Opa schüttelt noch immer den Kopf. – Ein Kommentar.

Der Start vom Homeschooling zurück in die Schule ist jetzt fast drei Wochen her. Zeit für eine erste Bilanz. Ich wollte es von den Schüler*innen wissen. Immerhin sind die viel näher dran als ich.

„Morgen hab ich wieder Schule. Die Mail kam gerade…“ Die Enkelin ist mindestens so überrascht wie ich. Es ist Sonntag und am nächsten Tag soll es wieder losgehen. In der Abschlussklasse ist sie doch gar nicht, denke ich noch, als sie mich aufklärt. „Berlin ist anders, da ist am Ende vom 9. Schuljahr die Prüfung für den Hauptschulabschluss“, höre ich sie erklären. Stimmt, in Berlin machen alle Schüler*innen den Hauptschulabschluss mit Prüfung, auch wenn längst klar ist, dass sie weiter zur Schule gehen, um Mittlere Reife oder Abitur abzulegen. Alle Schulen versuchen wohl, den Unterrichtsstoff über diverse Internetplattformen an die Schüler*innen zu vermitteln. Der Unterricht soll digital gestaltet werden. Einheitliche Regelungen? Gibt es nicht. Fehlanzeige.

„Die Lehrer*innen probieren mit allen möglichen Systemen herum. Ich weiß nie, was ich für den Unterricht brauche. Mittlerweile musste ich mich bei fünf verschiedenen Lernwebseiten anmelden. Seitdem kriege ich auch eine Menge komische Werbung. Dabei passe ich doch auf,“ sagt die Enkelin.

Ich frage mich, ob das wirklich sein kann. Ich suche also ein bischen herum, finde auch Informationen über die Rechnerkapazitäten der Bundesländer für die Schulen. Die Rechnerkapazitäten für die genutzten Unterrichtsplattformen reichen nicht, um den großen Andrang zu bewältigen.
Das allein wäre schon schwierig genug. Für viele Schüler*innen kommt es aber noch schlimmer. Viele haben keinen dauerhaften Zugang zum Internet und können kaum oder gar nicht auf die digitalen Online-Inhalte zugreifen. Hier und da gibt es Versuche, Leihgeräte zur Verfügung zu stellen. Das hilft aber nichts, wenn es aus vielen Gründen gar keinen Zugang zum Netz gibt. Hier werden die unfassbaren Versäumnisse beim Ausbau des Leitungs- und Funknetzes überdeutlich.

Chancengleichheit ist jetzt endgültig nicht mehr gegeben. Fehlende technische Möglichkeiten und beengte heimische Wohnungen, wo sich mehrere Kinder unterschiedlichen Alters den Küchentisch zum Lernen teilen.

Auf der anderen Seite gibt es die Gruppe von Schüler*innen, die zu Hause ein eigenes Zimmer mit Schreibtisch, PC oder Laptop, Smartphone und sogar einen Glasfaseranschluss an. Die freuen sich gerade über die vielen digitalen Lernmöglichkeiten. Die erzählen mir, dass sie jetzt mehr lernen als in der Klasse und dass es ihnen sogar mehr Spaß macht.

Nicht oder nur ungenügend vorhandene Internetverbindungen hindern viele Schüler*innen an einer guten Mitarbeit in Online-Konferenzen. Das sorgt für eine weitere Verschlechterung ihrer Lage.

„Gehst du heute zur Schule?“ „Ja, ich versuche ein Tablett zu leihen.“ Nur eine halbe Stunde später ist sie zurück. „Hattest Du Erfolg?“ „Ne, Pustekuchen. Es gibt keine mehr zum Ausleihen und meins ist kaputt“. Der Weg in die Notbetreuung war nicht hilfreich.

Vielen Schulen mangelt es offensichtlich selbst an Geräten und einer ausreichend dimensionierten Datenleitung. Schluss mit digitaler Unterrichtsergänzung zu Hause.
Ich überlege, ob ich mein Tablet für eine Woche entbehren kann. „Eine Woche reicht aber leider nicht,“ kommt als Antwort. Mag sein, aber es wäre ein Anfang. In der Zeit suchen wir eine bessere Lösung.

Die Kinder aus der Nachbarschaft rätseln schon darüber, wie ihre Noten sein werden. „Wir haben ja kaum noch mündlichen Unterricht,“ erzählen sie. Zwei Tage mit drei Unterrichsstunden, teilweise mit fachfremden Lehrer*innen. Dazu dann noch zwei mal 45 Minuten Zoom die Woche. Das reicht doch nicht. Jeder kommt im Videounterricht einmal dran. Regeln gibt’s dabei wohl nicht so richtig. Schon nach zwei Wochen sind die Enkelin und die Nachbarskinder sehr verunsichert und fühlen sich ihren Lehrer*innen in Sachen Benotung irgendwie ausgeliefert.

Die Corona Krise deckt offensichtlich gnadenlos die Missstände in unserem Schulsystem auf. Die Mehrzahl der Gebäude ist in schlechtem baulichen und hygienischem Zustand. Es fehlen jede Menge Lehrkräfte, vor allem im Bereich der individuellen Förderung. Die bekannt schlechte digitale Ausstattung der Schulen tritt offen zutage. Die Pandemie verstärkt den Leistungsdruck.

Das alles zeigt, das sich unser Bildungssystem auch schon vor der Krise in einem katastrophalen Zustand befand, weil es über Jahre hinweg kaputt gespart wurde. Die aktuellste Pisa Studie belegt, dass sich damit die schon lange bestehende Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem verstärkt. Es ist inzwischen deutlich darauf ausgelegt, junge Menschen schnell und billig in den Arbeitsmarkt zu pushen, statt sie gut auszubilden und zu eigenständigen und kritischen Menschen zu erziehen.

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Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas.

Schwachstellen, unter anderem im Gesundheitswesen, wie auch in diesem Thema der Bildung, werden gnadenlos offen gelegt.

Es ist vollkommen unverständlich, dass über Jahrzehnte weder bauliche Mängel beseitigt wurden noch genügend Lehrer*innen ausgebildet noch eingestellt wurden.

Es bleibt zu hoffen, das die zuständigen Minister*innen endlich handeln und sowohl die Gebäude wie auch das ganze Bildungssystem auf den neusten Stand bringen.

Die Förderschulen müssen auf lange Sicht abgeschafft werden und durch inklusive Schulen ersetzt werden, die allen Schüler*innen die gleichen Chancen bieten.

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Wie in so ziemlich jedem Bereich macht die Krise die Missstände unübersehbar.
Ich denke inzwischen, man sollte die Schulen einfach schließen, die Grundschulen auf jeden Fall, sich mit Lehrern, Eltern, Schülervertretern zusammen setzen, alle Probleme auf den Tisch legen und das kommende halbe Jahr nutzen, um so viel wie möglich zu verbessern.

Dann könnten die Schüler eben zum zweiten Halbjahr 2021 wieder einsteigen, dann haben alle ein Jahr verloren, die Arzttochter wie der HarzIV-Sohn und die Ungleichheit wird nicht noch mehr verschärft. Es würde auch verzweifelte Eltern entlasten, die wie ich einfach meinen Sohn nur unter immensem Zeitaufwand dazu bekomme, überhaupt Aufgabe nach Aufgabe zu machen.

Aber das würde natürlich unserer „Leistungsgesellschaft“ widersprechen. Der neoliberalen Doktrin, dass nur Leistung ein Recht auf was auch immer rechtfertigt. Aber das wäre glaub ich sehr heilsam für unsere Gesellschaft.
Der Nachteil wäre natürlich, dass dann nächstes Jahr ein Jahrgang mehr in den Schulen wäre, aber das wäre wohl nicht das größte Problem derzeit.

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Ich fürchte, es würde die Unterschiede nur verstärken.

Die Arzttochter hätte wahrscheinlich merk Möglichkeiten diese Zeit sinnvoll zu nutzen wie der Sohn des Hartz IV-Empfängers.

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