Die Welt im Wandel

Original Veröffentlichung: Die Welt im Wandel | DEMOKRATIE IN BEWEGUNG - DiB

Der 24. Februar 2022 ist ein Tag, der ohne Frage in die Weltgeschichte eingehen wird. Viele von uns wachten in einer neuen Welt auf – und manche in einer, die sie längst hinter sich wähnten. Der Angriffskrieg war zurück im Herzen Europas. Und mit ihm die Angst. Angst vor dem, was die Zukunft noch bringen könnte. Der völkerrechtswidrige Angriff der russischen Armee auf die Ukraine markiert einen Wendepunkt in der Nachkriegszeit.

Seitdem sind viele Menschen auf der Flucht. Sie fliehen aus Angst vor dem russischen Terror, vor Tod und Hunger. Wir sehen viele Tote. Menschen, brutal aus dem Leben gerissen fĂĽr den Krieg eines Anderen. Ukrainer*innen, die ihre Heimat und Familien verteidigten ebenso wie junge russische Soldaten, die ohne groĂźes Federlesen von ihren FĂĽhrern verheizt wurden.

Die Nähe des Krieges offenbart uns dabei, was wir in unserer eigenen „Arroganz“ in Syrien oder dem Irak nie sehen wollten: Seinen Schrecken. Wir sehen Bilder von zerstörten Panzern, von zerbombten Kindergärten, Schulen und Krankenhäusern. Wir hören Berichte über verminte Fluchtwege. Wir sehen Videos von Angriffen – und Bilder der Toten. Krieg kennt nun einmal keine Sieger. Nur Todeslisten.

Doch nicht nur die von uns gern ignorierten Grauen des Krieges zeigte uns der 24. Februar 2022. Er zeigte uns ebenso die von uns ebenso gern ignorierte Abhängigkeit von fossilen Energieträgern. Energie, die wir aus Russland importieren. Energie, die wir nicht benötigen würden, wenn wir den Ausbau von erneuerbaren Energien bereits länger und ausgiebiger voran getrieben hätten.

Der 24. Februar stieß Veränderungen an. Und wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass diese in die richtige Richtung gehen:

  • Wir mĂĽssen autarker werden von fossiler Energie. Die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien muss nun schnell und konsequent durchgezogen werden.
  • Ein gut ausgebauter und kostengĂĽnstiger bzw. kostenloser Ă–PNV wĂĽrde unsere Abhängigkeit von Ă–l noch weiter reduzieren, da so der Individualverkehr deutlich reduziert werden könnte.
  • Die Bundeswehr muss modernisiert werden, insbesondere aber muss ihr Beschaffungswesen neu strukturiert und transparent gemacht werden. Es dĂĽrfen keine Gelder in teuren Beraterverträgen oder nicht vollendeten Projekten versickern. Nur eine transparent gefĂĽhrte Bundeswehr kann dem eigenen Anspruch der „BĂĽrger in Uniform“ gerecht werden.
  • Keine Anschaffung von rein auf die offensive Nutzung ausgelegten Waffensystemen wie bewaffneten Drohnen.
  • Ausbau der internationalen Zusammenarbeit und Dialogsysteme zur Sicherung des Friedens.

Wenn es uns gelingt, die Veränderungen unserer Zeit in die richtige Richtung zu lenken, können wir gemeinsam in eine friedliche Zukunft blicken. Wie der Geist der Veränderung die Menschen bewegt, zeigt sich auch aktuell. Viele Menschen nehmen die Flüchtlinge in ihren Häusern auf. Manche fahren gar bis nach Polen, um diese dort abzuholen. Es fließen Sach- und Geldspenden in Richtung der Ukraine. Viele Menschen helfen. Die Einigkeit darüber in der Gesellschaft ist überwältigend. Frieden geht nur gemeinsam.

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Zweifelsohne wichtige Details.
Hauptsorge gilt aber dem Zustand der Demokratie.
Paar (zu selbstzufriedene) Generationen, und die in Jahrhunderten - beginnend mit Bauernkriegen - erkämpfte demokratische Ordnung wird korrumpiert und in quasi-feudale (Oligarhie, Kleptokratie, Lobbykratie) rückumgewandelt.
Westen, wenn es was wert sein soll (muss!),
muss sich dringend erneuern.
Nicht zuletzt um GlaubwĂĽrdigkeit zurĂĽck
zu gewinnen.
Innen wie Aussen.

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Ich bin immer noch ĂĽberzeugte Pazifistin, auch wenn ich mir gerade vorkomme wie aus der Zeit gefallen.

AbrĂĽstung funktioniert leider nur, wenn ALLE abrĂĽsten. Der beste Krieg ist der verhinderte Krieg.

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Das Problem ist, dass die absolute und universalste Grundregel des menschlichen Zusammenlebens nur dann funktioniert, wenn alle gleiche Bedingungen haben. Diese Grundregel lautet: „Ich tue anderen nichts an, von dem ich nicht möchte, dass es mir angetan wird“.

Das bedeutet, ich erschieße niemanden, wenn ich nicht selbst erschossen werden möchte. Dumm nur, wenn außer mir niemand mit einer Pistole existiert… oder anders gesagt: Si vis pacem para bellum.

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Konst dös amoi translaten ?

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„Wer Frieden will, bereite zum Krieg“ (wörtlich)/ „Wer Frieden wünscht, der rüste für den Krieg“ (sinngemäß)

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Macchiavelli oder Kaiser Augustus?

Weder noch. Platon und Marcus Tullius Cicero.

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ähmm, das ist die Rechtfertigung für Aufrüstung immer gewesen. Macht Aufrüstung aber nicht besser.

Ich sehe hier auch keine Zeitenwende, ich habe viel zu viel über die Sichtweise der Menschen im globalen Süden gelesen und könnte mir gut vorstellen, dass für viele ihnen durchaus nur registrieren, dass die Aggression diesmal von einem anderen Imperium ausgeht. Einem, das sich in der Vergangenheit allerdings durchaus auch nicht nur friedlich verhalten hat, wo ist das qualitativ neue?

Wer natürlich in der Vergangenheit der Illusion unterlag, die Welt wäre heute grundsätzlich friedlich mit wenigen Ausrutschern mag durchaus einen harten Aufprall auf dem Boden der Realität erlebt haben, oder wer insgeheim annahm, die Welt drehe sich um Europa und der Rest wäre vernachlässigbar.

Klar kommt jetzt wieder der Vorwurf des Whataboutism. Ich sage dazu nur: Das ist ein Diffamierungsbegriff der, bewusst oder unbewusst, darauf abzielt, das Anprangern von Doppelmoral zu verhindern.

Die ganze Kriegsrhetorik, die jetzt zu hören ist, der Ruf nach Aufrüstung und Verteidigung ist Teil einer Weltsicht der Nationen, der Feindbilder und passt wunderbar zu den Interessen der Kriegstreiber auf beiden Seiten, die nicht zufällig zuweilen enge Verbindungen zum militärisch-industriellen Komplex haben. Das ist keine homogene Gruppe mit einheitlichen Interessen, sicher nicht, aber genau so wenig rein zufällig zusammengesetzt mit durchschnittlichen Meinungen und Interessen.

Waren Menschen aus Kulturen, für die Krieg normal, ja sogar erstrebenswert und der wahrhaft ehrenvolle Zustand war, und Frieden nur die Zeit um neue Kräfte zu sammeln.

Ja, @miri , denn im Krieg ist der Feind notwendiger Spiegel, notwendig zur eigen Definition als die „gute“ Seite (als die sich natürlich beide Seiten selbst definieren). Der Pazifist hingegen ist ein Ärgernis, für beide Seiten. Aber ich bin auch gegen Aufrüstung, Kriegsrhetorik etc., und wir sind vielleicht wenige aber nicht ganz allein.

Um es klar zu stellen: Putin ist schuldig, aber die Ursachen und Bedingungen des Krieges sind vielfältig, verworrener und weniger eindeutig als viele das gerne hätten.

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Egal, ob wir diesbezĂĽglich Fehler gemacht haben. Es rechtfertigt niemals einen Krieg. Niemand hat Putin oder Russland bedroht. Niemand.

Beispiel:
Im Dorf sind noch aus alten Zeiten in beinahe allen Haushalten Wasserpumpen im Garten. Solche mit einem Handschwingel. In den letzten Jahren waren durch die groĂźe Hitze und das extreme Absinken des Wasserspiegels die Ressourcen knapp.
Nachbar 1 hat sich ein groĂźen Schwimmbecken angeschafft, dass er nun mittels einer dazugekauften elektrischen Wasserpumpe befĂĽllt und alle paar Tage das Wasser wechselt.
Nachbar 2 hat sich ebenfalls eine sehr starke Wasserpumpe zugelegt, mit er nachts stundenlang seinen Rasen und seinen großen Garten bewässert.
Diese elektrischen Pumpen sind verboten.
Nachbar 3 in der Mitte, hält sich an die Regeln und möchte mit Gießkanne und mithilfe seiner Handpumpe sein Obst, Salat und Gemüse gießen. Nur kommt kein Tropfen mehr aus der Pumpe.
Er ist zurecht sauer auf seine Nachbarn.
Der richtige Weg wäre, mit seinen Nachbarn zu reden. Ist das sinnlos, bliebe noch der offizielle Weg über eine Anzeige möglich, was aber den sonst nachbarlichen Frieden stark gefährden würde. Das muss man gut abwägen.
Keinesfalls gerechtfertigt sind Sabotageakte gegenĂĽber den Nachbarn. Keinesfalls gerechtfertigt sind jegliche Formen der Gewalt.
Noch weniger gerechtfertigt wäre es den Nachbarn aus seinem Haus zu bomben, den Garten zu zerstören und sich seiner Pumpe zu bemächtigen.
Und wenn er sich dann immer noch wehrt, erschieĂźt man ihn eben.
Leute, es gibt keine vertretbaren Ursachen, Entschuldigungen und kein Argument fĂĽr diesen Krieg.

Und wenn mich jemand bedroht, dann werde ich sehr wohl versuchen, mich davor zu schĂĽtzen. So traurig das sein mag.

Sprichwort: „Du kannst nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“
Stimmt immer noch. Im GroĂźen, wie im Kleinen.

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Es rechtfertigt weder DIESEN Krieg, noch irgendeinen anderen. Und ich hoffe jetzt nicht, dass du die Kriege der Amis als „Fehler“ verniedlichen willst.

Vom Wüten der Russen in Syrien wussten wir bis dato auch nichts, weil’s uns einfach zu wenig betroffen hat. Und eine der von @Bianca_Schubert genannten Ursachen dafür und des Ukraine-Krieges ist eben auch, dass sich die USA seit Jahrzehnten als Weltpolizist aufspielen. Die Liste ihrer Aggressionen ist lang. Da muss man sich nicht wundern, wenn dann ein anderer Idiot einfach mal sagt: „Was ihr könnt, kann ich schon lange.“ Relativierung? Nein GLEICHSETZUNG. Dieses ganze Militaristenpack gehört in EINEN Sack.

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Neben der zitierten Redensart „Wer Frieden will, rüste für den Krieg.“ gibt es noch diese:
„Stelle Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“
Hier würde noch der Zusatz fehlen: „Dann kommt der Krieg zu Dir.“
Dieser Zusatz ist, wie wir gerade erleben, inzwischen Realität geworden

Wie und warum sich meine Meinung (als bisher ebenfalls kompromisslose Pazifistin) angesichts der neuen Realität Zug um Zug geändert hat, habe ich soeben im thread Sanktionen gegen Russland erläutert.

Das ist absolut richtig, doch die Vergangenheitsbewältigung muss momentan wohl auf die Zukunft verschoben werden, da sie nicht hilft, den jetzigen Krieg schnellstens zu beenden.

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Ich bin ja bei Dir. Aber sag das mal den ukrainischen Soldaten.

Oder auch ihren Generälen, die den Job schon seit Jahren machen - genau wie unsere. Klar sind das Militaristen. Klar befeuern die den Militärisch - Industriellen Komplex - nicht zuletzt, weil sich demokratisch kontrollierten Gremien zu fein sind, das unpopuläre Thema transparent auf den Tisch zu bringen.

Wir auch!

Zu Zeiten der Demos gegen die Raketenlücke hat sich die DKP-orientierte Bewegung - die Linke gab es ja noch nicht - unter dem Fähnchen der Friedensbewegung einseitig gegen die Verteidigungsfähigkeit durch neue Pershings gegen die bereits stationierten SS20 stark gemacht. Sie verneinten einfach jegliches Bedrohungspotenzial. Unter diesem Fähnchen war es einfach Pazifist zu sein.
Pershings wollten wir auch verhindern. Und deshalb haben wir deren Slogan erweitert: „Keine neuen Atomraketen, bevor die alten verbraucht sind!“ und ich habe einem gebratenen Hähnchen einen Palmenzweig auf den geköpften Hals gepiekt und trotzdem bei der Blockade die NATO-Drahtrollen um die hier stationierten atomwaffenfähigen britischen Kurzstrecken-Raketenbasen abgeräumt, damit die kirchliche Friedensbewegung auch durch konnte.
Wir haben uns sehr ernsthaft mit Strategien der Selbstverteidigung befasst, haben uns über das Arbeiterviertel in Wien informiert, in dem die Keller mit Schießscharten ausgebaut sind, haben uns das schweizer Modell angeschaut. Schaut euch die Schweiz oder Finnland an: Neutralität bedeutet eine Militarisierung der Gesellschaft weil man die Verteidigung nicht an einen fernen Militärisch-Industriellen Komplex delegieren kann.

Damals habe wir nur die Chance gesehen, das Land unbesetzbar zu machen. Denn damals gab es kein Mittel gegen Panzerarmeen mit Luftunterstützung. (heute schon: bewaffnete Drohnen! Müssen Auf den Prüfstand m.E.!) Damals hatten wir keine Angst vor der Volksbewaffnung, die damit einher gehen würde. Dass ein solches Volk die Waffen auch gegen die „eigenen“ Generäle richten könnte wie in der französischen Revolution hat uns eher bestärkt in einem so radikaldemokratischen Ansatz.
Bin ich mir heute nicht mehr so sicher, dass dieses Volk heute so verlässlich ist, wenn die Situation keinen ruhigen Diskurs zulässt :disappointed_relieved:

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Pazifismus ist ein Privileg der BehĂĽteten. (unbekannter Autor)

Das grundsätzliche Problem von Pazifisten ist, dass diese absolut keine Lösung für die genannten Probleme liefern, sondern einfach nur dagegen sind. Und wenn dann mal eine Lösung kommt, dann überlebt diese in der Regel die Frage „Und was passiert, wenn auch nur ein einziger seine Waffe nicht niederlegt?“ nicht.

Bis zum heutigen Tag gibt es keine effektive, dauerhafte Lösung für Frieden. Die einzige uns bekannte: Waffenpotential als Abschreckung. Hat in Europa immerhin fast 80 Jahre gehalten - im übrigen die längste Friedensperiode auf dem Kontinent in den letzten 4.000 Jahren - wobei auch das inkorrekt ist, denn mit Jugoslawien und Zypern gab es zumindest zwei Bürgerkriegsgebiete.

Wir in Europa glaubten, es ginge anders. Wir erlagen einer Illusion, indem wir ausblendeten, dass dieser Frieden zwar nicht mit europäischen Waffen, aber mit amerikanischen Waffen erkauft wurde. Wir wähnten uns in einer Zeit, in der die Zivilisation den Krieg überwunden hat - oder ihn auf ein Mittel reduziert hat, mit dem man „die Unzivilisierten disziplinieren“ kann wie einen Geiselnehmer mit einem SWAT Team. Nun hat Putin uns gezeigt, wie wenig das stimmt.

Grundsätzlich bin auch ich der Meinung, dass, um es mit Sunzi zu sagen, die „beste Schlacht diejenige ist, die man nicht zu schlagen braucht“: Aber ich denke auch ehrlicherweise, dass grundsätzlicher Pazifismus nur dann hilft, wenn der Gegner wie z.B. das britische Reich in Indien, eine eher desinteressierte Position zum Konflikt einnimmt. Man braucht also eine realistische Position - wie viel Defensivpotential ist notwendig? Wie viel Gegenschlagspotential? Braucht man letzteres überhaupt? Ab wann ist es zu viel?

Wobei man dazu sagen muss, dass das Konzept der Volksbewaffnung noch aus einer Zeit stammt, in der man Panzer mit einfach zu bedienenden Abwehrwaffen klein kriegen konnte und der Großteil der Gefechte von Infanterie geschlagen wurde, deren Waffen ebenfalls recht einfach zu bedienen sind. Auch hat Deutschland keine komplexe Topographie oder einen Urwald, der einen Guerillakrieg bevorteilen würde. Heute wird der Krieg in der Luft entschieden. Ein überschallschnelles Flugzeug holt man nicht mehr mit einer 88mm-FLAK vom Himmel, die ein Schuljunge nach 2 Tagen Einweisung laden und bedienen kann - dafür braucht es Systeme, deren Bedienung so komplex ist, dass das Erlernen Monate dauert… Also braucht es am Ende doch die Spezialisten dafür…

Und deshalb: Pazifismus ist ein Privileg der BehĂĽteten. (unbekannter Autor)

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Diese Argumentation hat einen Haken: Diese amerikanischen Waffen, nebst den europäischen, sind immer noch da und immer noch in der Lage, die gesamte Menschheit auszurotten, aber der Krieg ist trotzdem ausgebrochen. Scheint mir, als ob die Argumente der Abschreckungsbefürworter kein bisschen weiter tragen als, wie sie den Pazifisten vorwerfen, die ihren tragen würden.

Und was macht dich so sicher, dass die Abschreckung die Ursache für den Frieden war, und dieser nicht ganz andere Gründe hatte? Z.B. den, dass Europa sich im Gegensatz zu anderen Ländern im globalen Süden brav in das weltweite kapitalistische System eingeordnet hat, was nicht soo schwer war, da Europa im Wesentlichen zu den Nutznießern und nicht den Opfern dieses Systems gehörte? Oder dass es im narrativ von der abendländischen Überlegenheit und Freiheitsliebe schon von vorneherein eine bessere Stellung hatte?

80 Jahre ist im geschichtlichen Maßstab gesehen im übrigen nicht wirklich lang, und wie du korrekt angemerkt hast stimmte es eben auch nicht, dass 80 Jahre lang Frieden in ganz Europa war. Außerdem werden große Teile dieser Periode als „kalter Krieg“ bezeichnet, übrigens nicht als „kalter Frieden“, Zufall? Große Teile Europas lagen im übrigen über einen langen Zeitraum hinweg innerhalb der Pax romana. Im ältesten Teil des römischen Reiches waren das wohl sehr viel mehr als 80 Jahre. Aber es liegt doch auf der Hand, dass dieser Friede nur die Abwesenheit akuter Kampfhandlungen war, ein mit Gewalt und Krieg aufrecht erhaltener „Friede“.

Die Zapatisten haben mal gesagt, die mexikanische Regierung wolle keinen Frieden sondern nur die Abwesenheit von Krieg. Für sie selbst könne es Frieden nur geben, wenn die Konflikte gelöst seien, nicht, wenn nur die Waffen schweigen. Denn der Frieden der Regierung habe für sie immer schon Krieg bedeutet.
Sie leb(t)en dort unter einem Regime struktureller Gewalt, dass sie still und leise verhungern oder an heilbaren Krankheiten sterben lieĂź, dazu zwang, wie Sklaven zu arbeiten und willkĂĽrliche Hinrichtungen durch die GroĂźgrundbesitzer zu tolerieren.

Nein, Krieg muss nicht nur Bomben und Granaten bedeuten, es gibt ja heute nicht umsonst Worte wie „Wirtschaftskrieg“, „Cyberkrieg“ u.ä. Die Konflikte sind das Problem, Ungerechtigkeit, Missachtung, Arroganz und vieles mehr. Und die Selbstverständlichkeit, mit der wir Macht tolerieren, unterstützen, für notwendig halten.
Diese führen zu Gewalt, und wenn Waffen da sind und noch andere Faktoren günstig stehen dann auch zu offenem Krieg. Die antiken Griechen gingen davon aus, Friede sei der Zustand zwischen zwei Kriegen, der dazu dient, neue Kräfte zu sammeln. Ich sehe nicht, dass wir uns von diesem Konzept allzu weit entfernt haben, nur dass wir heute den Zwischenzustand höher schätzen.

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„Einfach dagegen“ war ich als Pazifist nie, zumal ich in langen Phasen meines Lebens auch keineswegs zu den Behüteten gehörte. Zu einer pazifistischen Haltung hatten mich vielmehr die zahlreichen Widersprüchlichkeiten gebracht, mit denen, je nachdem, wie es gerade passte, Auf- oder Abrüstung begründet wurden. Einige Beispiele (teilweise vor allem Deutschland, teils auch andere demokratische Länder betreffend):

  • Postulat: Die Wurzel allen Ăśbels sind die Juden. Um das Ăśbel an der Wurzel auszumerzen, ist die AufrĂĽstung alternativlos.
  • Danach: „Nie wieder Krieg“, also Militär begrenzt auf Verteidigung sowie Neutralität alternativlos, um den Makel der weltweit Geächteten irgendwann wieder loszuwerden. Gleichzeitig jedoch Wiederaufnahme der RĂĽstungsproduktion und Lieferung der produzierten RĂĽstungsgĂĽter an andere kriegfĂĽhrende Länder …
  • In der Folge: Keine aktive Teilnahme an Kriegen in Form von Kampfeinsätzen, jedoch Ausbildung der Soldaten anderer sich im Krieg befindlicher Länder nebst UnterstĂĽtzung durch Waffenlieferugen, da … Hilfe zur Selbstverteidigung dieser Länder „alternativlos“.
  • In D. Ăśbertragung der Verteidungsverantwortung im Wesentlichen an die NATO (da selbst immer noch „neutral“, also keine aktive Kriegsbeteiligung), keine eigene Produktion von Kernwaffen, Stationierung solcher seitens USA auf deutschem Gebiet jedoch „lternativlos“ wegen Beitritt zur NATO.
  • Parallel dazu steiler Anstieg der RĂĽstungsindustrie mit entsprechender Zunahme an Exporten, nahezu egal, an wen oder (wegen Exportbeschränkungen) auf welchen krummen Wegen an diese geliefert (lange Zeit verbunden mit legaler Vorteilsannahme von den Bestellern seitens der Industrie).

Die Ablehnung all dessen, verbunden mit meiner Grundhaltung, dass kein Mensch das Recht hat, einem anderen das Leben zu nehmen (also auch gegen Todesstrafe), war meine Form von Pazifismus.

Es dürften die Menschen, die die Auswirkungen eines Krieges selbst, in der eigenen Familie, im persönlichen Umfeld erlebt haben - wie eben auch die Ukrainer -, sein, die Pazifismus nur noch als Privileg der Behüteten betrachten können.

Mich hat die Erkenntnis, dass gewaltverbreitende Putins nur die Sprache der Gewalt verstehen und dass es solche Putins immer wieder geben wird (wie auch die bigotte Haltung der über Maßnahmen zur Beendigung des derzeitigen Krieges Entscheidenden) zum Umdenken bezüglich des Einsatzes militärischer Mittel gebracht.

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Wenn die Aufgabe nicht die Verhinderung einer Besetzung ist sondern eine dauerhafte Okkupation eines besetzten Landes für den Angreifer zu teuer zu machen, dann bist Du wieder im traditionellen „Nahkampf“.
Das führt dann zu Palestina-Szenarien mit so schwebenden 1-2-Staaten-nicht-Lösungen, wenn der Aggressor nur daran interessiert ist, dich klein zu halten. Auch dagegen muss man als unterlegenes Land ein Strategie entwickeln. Wenn er aber mehr will so wie Putin, dann kann es durchaus ausreichen nicht besetzbar zu sein.

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Du hast recht. JETZT ist es wieder mal zu spät. Ich meinte mit Militaristen auch eher die, die Kriege vom Zaun brechen.

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Ja und Nein. Ja, die Waffen sind immer noch da, aber die Bereitschaft, diese im Zweifel einzusetzen, war seit 1991 niemals so niedrig wie sie es 2021 war. Bedeutet: Ein Großteil des Abschreckungspotentials ging verloren. Tatsächlich wirkte es so, dass die NATO sich ohne äußere Bedrohung wohl in dem Spannungsfeld USA, die nicht mehr militärisch in Europa engagieren wollten, Mitteleuropa, dass keinen Sinn mehr in der Verteidigung sah (warum auch? Gegen wen?) und Osteuropa, die (wie wir jetzt wissen, zurecht) panisch wegen Russland waren, zerbrechen würde.

Mit anderen Worten: Die Chancen darauf, den Westen zu spalten, war nie größer. Und mit einer Regierung Trump wäre es vermutlich auch möglich gewesen :wink: Was die NATO wohl gerettet hat, waren die innenpolitischen Probleme Russlands, die es mit diesem Krieg überspielen musste… Hätte Putin bis 2024 oder 2025 gewartet… Wer weiß, ob es danach noch eine NATO gegeben hätte?

Das ist die Frage, auf die wir hoffentlich nie eine direkte Antwort bekommen werden - denn eine direkte Beantwortung dieser Frage wäre wohl ein „Ja, sie tragen nicht weiter“ und gleichbedeutend mit einem Krieg.

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Die Abschreckung funktioniert (oder nicht, ich möchte es nicht austesten) auf Ebene des Atomkrieges und ist seitens der NATO, auch künftig ernst zu nehmen, zumindest Seitens der Atommächte innerhalb der NATO, wenn es Angriffe auf das Territorium gibt - konventionell oder atomar. Wo die Schwelle für Russland. China, Indien, Pakistan, Israel und Korea überschritten ist, ist m.W. nicht so klar kommuniziert.

In dieser Liga spielt Deutschland nur mit, soweit sich die US tatsächlich solidarisch auf ihre eigene mehrfache Vernichtung einlassen, wenn nur einer der NATO-Zwerge angegriffen wird. Ehrlich gesagt bezweifele ich das und hielte es für keinen der Beteiligten für sinnvoll, d.h. wie du bezweifele ich, dass die Abschreckungspolitik tatsächlich Sicherheit schafft. Im Gegenteil wirkt sie allenfalls durch Unsicherheit, was denn auf einen Übergriff folgen wird.

Wir erleben aber wie du sagst andauernd Kriege auf anderen Ebenen, konventionelle Kriege, Cyberkrieg, Wirtschaftskrieg (wozu wohl schon eine aktive Handelsbilanz zu zählen ist) und gegen alle diese sollten wir verteidigungsbereit und selbst nicht aggressiv sein.

Wenn ich dem atomaren Schutzschild nicht traue, dann bedeutet das auch gegen einen Angriff mit konventionellen Waffen gerüstet sein zu müssen, da wir lernen mussten, dass diese Kriege überall toben und auch zwischen Atommächten Scharmützel ausbrechen (Indien/Pakistan z.B.) Mit Russland hat nun ein eindeutiger Systemgegner aggressiv zu diesem Mittel gegriffen und wir warten darauf, wann denn China wie angekündigt Gleiches mit Thaiwan versucht.

Die Abwesenheit von Krieg anstatt von wirklichem Frieden, dem Zusammenleben zum gegenseitigen Vorteil, ist unter diesen Bedingungen doch schon mal was und nicht zu verachten. Denn eins ist klar: Da es System-Gegensätze gibt und nicht nur Wettbewerb und das sogar multipolar wird der Traum von der Gemeinschaft der Welt-Bürger ein Traum bleiben!

Ganz unabhängig vom Wahnsinn des vielfachen Vernichtungspotenzials eines Atomkriegs gibt es m.E. daher schon den Bedarf an Verteidigungsfähigkeit gegen konventionell geführte Kriege. Offenbar hat es nicht gereicht, einfach nur Geld auszugeben.

Deshalb teile ich die Kritik, zuerst ans Geld und gegebenenfalls dann erst an erfolgversprechende David-gegen-Goliat-Strategien zu denken. Man muss mit letzterem Anfangen. Man …? … und wieso nicht wir?

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