DiB macht Politik: Sara Gomes, TĂĽbingen

Original Veröffentlichung: DiB macht Politik: Sara Gomes, Tübingen | DEMOKRATIE IN BEWEGUNG

Neun Monate ist es her, dass in Tübingen ein neuer Gemeinderat gewählt wurde. Auch wir von DEMOKRATIE IN BEWEGUNG sind angetreten und haben nach engagiertem Wahlkampf einen Stadtratssitz gewinnen können. Seither sitzt Sara Gomes in der Studentenstadt in Baden-Württemberg im Stadtrat. Wir haben mit ihr gesprochen und sie nach ihren Erfahrungen gefragt. 

Wie war fĂĽr dich der Moment, als du wusstest, du hast es in den Stadtrat geschafft?

Ich war sehr glücklich. Ich hatte nicht erwartet beim ersten Versuch gewählt zu werden. Vor allem, weil ich erst seit kurzem in Tübingen gewohnt habe. 

Aber mir waren die zukünftigen Schwierigkeiten leider auch schon bewusst. Ich bin die einzige Stadträtin, die gebrochen Deutsch spricht und die Anträge werden alle ausschließlich auf Deutsch verfasst. Auch die Redebeiträge sind für mich teilweise schwierig zu verstehen. Ich hatte deshalb Angst, dass meine Arbeit im Gemeinderat dadurch eingeschränkt wird. Auch musste ich wöchentliche Zeit für dieses Ehrenamt schaffen und habe daher einen neuen Job gesucht, in dem ich Teilzeit arbeiten kann. All das waren großen Ungewissheiten, noch bevor die Tätigkeit selbst begonnen hat.

Was ist die größte Herausforderung? 

Die Niederlagen. Ich bin eine Gemeinderätin von 40 und die einzige von DEMOKRATIE IN BEWEGUNG. Ich bin in einer Fraktion mit “Die PARTEI”, aber nichts desto trotz sind wir eine kleine Fraktion im Gemeinderat. Es ist häufig schwierig, ernst genommen zu werden. Unsere Anträge werden belächelt und zum großen Teil leider abgelehnt, obwohl sie, meiner Meinung nach, sehr sinnvoll waren und realpolitischen Inhalt haben, auch wenn sie von “Die PARTEI” mitgetragen werden. 

Was bringt die größte Freude? 

Die Zusammenarbeit mit meinen Fraktionskollegen und den Beweger*innen hier vor Ort.

Es ist spannend zu sehen, was eine kleine, motivierte Gruppe von Menschen erreichen kann, wenn sie ein gemeinsames Ziel hat. Das gibt mir immer wieder Kraft für die vielen Aufgaben, die ich jetzt habe. 

Warum sollten wir uns kommunalpolitisch engagieren?

Auf kommunalpolitischer Ebene entscheidest du über die Politik, die deine direkte Umgebung betrifft. Ob Amazon sich in deiner Stadt ansiedeln darf, ob mehr soziale Wohnungen gebaut werden, ob die Kindergärten oder ÖPNV kostenlos sein sollen. Es ist wichtiger als viele denken! Du bist bestens informiert über deine Stadt. Und wenn du keinen deutschen Pass hast (und EU-Ausländer*in bist) bekommst du eine wichtige Stimme in der Politik. Du kannst Anträge selber einbringen und damit Veränderungen direkt bewirken. Vor allem Frauen* und Menschen mit familiärer oder selbst erlebter Migrationsgeschichte sind bisher in der Politik unterrepräsentiert. Wenn das auf dich zutrifft und du dich dafür entscheidest, Kommunalpolitiker*in zu werden, leistest du einen wichtigen Beitrag zur gerechten politischen Repräsentation.

Du hast jetzt auch einen Youtube-Kanal, wie kamst du auf die Idee? 

Ich hatte nie Vorbilder in der deutschen Politik, seitdem ich hier lebe und auch Information zur Kommunalpolitik sowie über Herausforderungen als Frau und Migrantin konnte ich nicht wirklich finden. Ich denke nicht, dass ich die einzige bin/sein werde, die nach solcher Information sucht. Daher habe ich mich entschlossen diese Situation zu ändern, indem ich selbst die Information weitergebe, die mir so lange gefehlt hat. 

Und was ist dein Ziel? 

Ich möchte mehr Frauen* und Mädchen*, junge Menschen und Ausländer*innen dazu bringen, sich politisch zu engagieren.

Ich möchte natürlich auch gewisse Herzensangelegenheiten dort ansprechen, wie beispielweise feministische Themen und die Bekämpfung von Rassismus.

Wie siehst du deine politische Zukunft?

Ich werde bis 2024 Gemeinderätin in Tübingen sein. Danach weiß ich nicht… Ich zerstöre das Patriarchat, beende den Spätkapitalismus und rette die Umwelt? Ich mache davon das, was ich kann. Aber auch wenn ich gerne auf Landes- oder Bundesebene weiter Politik machen wollen würde, kann ich es vergessen, das geht nur mit einem deutschen Pass.

Was möchtest du den Menschen mitgeben? 

Traut euch was! Seid frech und laut!

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Genau richtig - zeig’ uns Kerlen wo es lang geht! Wir haben über Jahrhunderte wahrlich genug Unfug angestellt, da wird es endlich Zeit für mehr Frauen Power :mechanical_arm:

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Die größten Herausforderungen sind die Niederlagen.
Das glaube ich. Ich habe 2010 bis 2013 einem Piratenpolitiker für sein Büro und die Stadtverordnetenversammlung begleitet und mich in 2015 selbst als Stadtverordneter für die Piraten für die Kommunalwahl in Kassel beworben. Die Anträge der kleinen Parteien, auch wenn sie gut durchdacht sind, werden im Parlament abgeschmettert.
Bei uns in Kassel ist das ein „Politikum“.
Weil den „großen Parteien“ bei uns in Kassel das Thema nicht einfällt und sie keine Anträge zum Thema stellen, wollen sie sich nicht von den kleinen Parteien „vorführen“ lassen. Wenn Mensch will, das ein Antrag gut durch kommt, muss Mensch vor der Antragsstellung den Kontakt zu den anderen Parteien suchen und zu dem eigenen Antrag Mehrheiten finden. Dabei darf Mensch sich nicht verkaufen und muss wissen wem Mensch trauen darf. Und das ist Politik, hier in Kassel.

Das du einen eigenen YouTube Kanal hast, finde ich sehr gut. Damit sprichst du die Leute eher an und gibst Infos an die BĂĽrger weiter.
Ich wollte, in 2013, schon eine eigene Zeitung gründen und dabei jeder Partei für ihre politische Sicht der Dinge eine Basis bieten. Aber erstens interessiert sich kaum ein Bürger für die Regionalpolitik in Kassel und zweitens ist eine „Zeitung“ schon wirklich „oldschool“.
Ich glaube, die Info- Weitergabe ĂĽber Internet ist jetzt gekippt. Ich denke, das es mehr Handy- oder Tablet- Leser gibt, als Papierzeitungsleser.
(Entschuldige, das mit dem Gendern klappt nicht immer).
Ansonsten wĂĽnsche ich dir viel Mut, Kraft und Geduld fĂĽr deinen Job im Stadtrat.

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In Regnschpurg hab ich glernt, wie man Kommunalpolitik im Brauhaus macht. Da sitzen dann die unterschiedlichsten Parteienvertreter an einem Tisch. Dann sagt einer der schwächeren Partei „man müßte doch…“ Und einer der starken Partei überlegt und sagt: „Koa schlechte Idee…aber des müssa mir einbringe.“ Auf der nächsten Tagesordnung steht der Beschlussantrag der schwachen Partei unter dem Namen der stärksten Partei. Und tatsächlich wird der Antrag angenommen. Für die Eitelkeit ist das nix, aber vielleicht für die altruistische Politik.
Ich denke, dass man als einzige Stadträtin auch in BaWü einen Leberzuschlag erhalten sollte oder ein professionelles Sauftraining. Ob das DiB bezahlen kann? Jedenfalls findet Kommunalpolitik weniger im Rathaus statt als in Kneipen, auf Vernissagen, bei Theaterpremieren, in Konzerten… oder in der Kirch… s’isch so!
Viel GlĂĽck, Sara!
Und dem Palmer muss man unkonventionell kommen.

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Immerhin muss man für den Wahlkampf nur Wähler überzeugen, nicht RatsherrInnen. Das ist dann vielleicht doch das dankbarere Publikum.

Als DiB-Ratsherrin ist man zwar an der vordersten Front aber hoffentlich nicht allein. Wenn man transparent hinaus trägt, was von dem da drinnen an Wichtigem zu bereden ist, behält man dieses Publikum.

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