Der Mythos Freier Markt

Fortsetzung der Diskussion von Corona-Pandemie - ein kapitales Versagen unserer Regierung?:

ich habe nicht nur ein Buch über Ökonomie gelesen. Es gibt in der Ökonomie eine Vielzahl an Modellen, von Marx über Keynes bis Mises und einiges mehr. Wirklich von Bedeutung ist derzeit aber nur die Neoklassik. Das ist das, was jeder Ökonomie-Student in und auswendig können muss, wenn er oder sie einen Abschluss erwerben will. Es gibt etliche Ökonomen, die Kritik an diesem Modell üben, massive Kritik, die soweit geht zu behaupten, dass es auf nicht tragfähigen Annahmen gebaut ist. Aber die gehören eben nicht zum Mainstream.

Kern der neoliberalen Auslegung bzw. der Chicagoer Schule ist die These, dass sich der Markt von alleine zum Wohle aller reguliert, wenn man ihn nur in Ruhe lässt. Eine These, die auf (einen vermutlich missinterpretierten) Adam Smith zurückgeht. Das ist der Erfinder der „unsichtbaren Hand“, die den Markt angeblich so regulieren soll, dass jeder durch Verfolgung seines Eigeninteresses das Allgemeinwohl fördern würde. Aber was ist das anderes als ein Glaubenssatz? Ich kenne keinen Beweis für diese These, aber einige, die dagegen sprechen.

Die Ökonomielehre ist absolut einseitig ausgerichtet. Das behaupte nicht nur ich, sondern auch das https://www.plurale-oekonomik.de/netzwerk-plurale-oekonomik/

Sicher regelt sich der Markt irgendwie selbst, aber ohne irgendeine Rücksicht auf die Belange der Menschen oder der Umwelt. Dieser sich selbst regulierende Markt wird aber als ein Wert an sich gesetzt und dann wird weiter argumentiert, dass der Wissenschaftler „neutraler Beobachter“ zu sein habe, der sich jeglicher Wertung enthalten muss. Die Vorstellung, dass der Markt alles zum besten regelt ist aber zutiefst normativ, es ist eine ethische Bewertung, die den Markt als Grundprinzip der Organisation der Wirtschaft und Gesellschaft festsetzt. Wie absurd ist die Forderung, dass der Wissenschaftler neutraler Beobachter sein soll, wenn die Grundlage schon so wenig neutral ist?

Ein sich selbst regulierender Markt wird quasi zu einem Naturgesetz erhoben, und damit wird die Ökonomie zu einer Naturwissenschaft umdeklariert. Das ist sie ganz sicher nicht, sie ist eine Sozialwissenschaft. Und mit dem als Prinzip gesetzten Markt geht sie eher in Richtung Theologie als Richtung Physik.

Die Neoklassik hat einige Schwächen. Z.B. haben die so ausgebildeten Ökonomen die Finanzkrise 2008 nicht kommen sehen, während etliche „Ketzer“ unter den Ökonomen sehr wohl damit gerechnet haben. Aber es ist eben der Lehrstoff, den alle lernen müssen.

Ich habe mich ja vor allem mit dem Geld beschäftigt. Geld ist für die Neoklassik ein neutrales Tauschmittel. Sie gehen teilweise so weit, dass sie vom „Schleier des Geldes“ sprechen, der die Sicht auf die (Tausch-)Wirtschaft verdeckt. Der hochverehrte Adam Smith ging z.B. davon aus, dass Geld eine Ware sei (wie übrigens auch Karl Marx). Aber das stimmt nicht oder wenn dann nur sehr begrenzt. Geld hat viele Seiten, es ist schwer zu fassen in seinen Eigenschaften, aber eines ist es ganz sicher nicht: Eine Ware wie jede andere. Die Standarderklärung der Ökonomen, wie Geld entstanden sein soll, aus einer hypothetischen ursprünglichen Tauschwirtschaft ist z.B. komplett unbewiesen, dafür gibt es etliche andere Hypothesen über seine Entstehung, die viel besser belegt sind, von Anthropologen und Archäologen. Interdisziplinäres Arbeiten ist allerdings keine Spezialität der Ökonomie.

Die Politik der Privatisierungen, die Politik, alles den Marktgesetzen zu unterwerfen ist keine Vernachlässigung der Aufgaben der Regierung sondern folgt aus der Ideologie des freien Marktes.

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genaaau.

Parallele:
Natur.
regelt sich per Evolution auch von alleine.
Zivilisatorische Seitenhiebe der ‚Menschheit‘…
Dann ist der Ökosystem eben degeneriert, verarmt…
Muss neuen Anlauf nehmen mit Ratten und Kakalacken.
Wertfrei, weil nicht bewust (gemacht).

So gesehen müsste man/frau die ‚Klassiker‘ zu Sozialdarwinisten zählen.
„Alle Macht dem Starken!“
(Trumpi?)

Wir - mit Intellekt Geplagten - hätten aber gerne eine gerechte Gesellschaft gehabt.
Kein Platz also für derlei Fatalismus.

Ein Korrektiv muss her.
gravierend,
aber durchdacht.

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Auch die Katastrophe ist ein Regulativ. In sofern stimmt die Theorie aber sie bietet keine sonderlich attraktive Aussicht.

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Die Marktwirtschaft (Kapitalismus) ist keine Erfindung der Natur. Das System wurde von Menschen erschaffen, und es verfolgt ein Ziel Gewinnmaximierung. Diesem Ziel wird alles Andere untergeordnet, koste es, was es wolle. Soziale Aspekte, Umweltschutz, Schutz von Lebewesen, spielt keine Rolle, das Menschen und Tiere sterben, weil sie durch das Raster fallen, Kapitalisten stört das nicht.

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Bin mir nicht sicher, aber ich denke, dass dieses Interview ziemlich gut hier reinpasst:

Hervorheben möchte ich:

Aus meiner Sicht haben wir es auch mit einer illiberalen Demokratie zu tun, in der das „Wir“ im „Ich“ zu klein geworden ist. Freiheit geht mit Verantwortung einher, Privilegien mit Verpflichtungen. Das sind grundlegende Prinzipien des Liberalismus und so steht es im Grundgesetz unserer sozialen Marktwirtschaft. Auch eine unsichtbare Hand als Marktmechanismus kann nur funktionieren, wenn die Preise in etwa die Kostenwahrheit abbilden und ein gewisses Maß an Gerechtigkeit in der Verteilung von Informationen, Bildung, Geld, Besitz und Macht nicht unterschritten wird. Wenn viele, viele Kleine mit wenigen, sehr Großen „freie Verträge“ aushandeln müssen, dann sind uns die strukturellen Voraussetzungen für effektive Marktmechanismen abhandengekommen. Und wenn zu viel Gestaltungsmacht in privater Hand liegt, bedroht das die Demokratie und ihre Institutionen.

und weiter unten:

Die, die sich heute besonders lautstark liberal nennen, sind häufig sehr privilegiert vom Status quo und finden diese Selbstverständlichkeit infrage gestellt, wenn es ein bisschen pluralistischer, ein bisschen weiblicher, ein bisschen verteilungsgerechter und ökologischer wird. Andere gewinnen aber Freiheiten, wenn sich die Karten neu mischen. Anders als beim Liberalismus für Chancengerechtigkeit findet sich hier eine vulgäre Version, in der primär die eigenen Privilegien verteidigt werden, aber keine Verantwortung für die Nebeneffekte übernommen wird.

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Zunächst möchte ich um Nachsicht für die schwache Formulierung meiner Frage, ob Du ausreichend recherchiert hast, bitten, die leicht missinterpretiert werden konnte. Mir ist schließlich bestens bekannt, dass Du nicht nur ein Buch über Ökonomie gelesen hast :wink:.

Hintergrund war die Tatsache, dass Du Dich vornehmlich auf die „Klassiker““ beziehst. Die muss man beim Studium der Wirtschaft, Volkswirtschaft, Politik und auch bei der Einordnung der politischen Entwicklungen in vielen Ländern, die maßgeblich darauf beruhen, natürlich kennen.

Fakt ist aber auch, dass viele ihrer Schriften eine von ihnen gar nicht intendierte Eigendynamik entwickelt haben bzw. teilweise auch missinterpretiert worden sind, wie Du selbst bezüglich Adam Smith erwähnst. Von ihm heißt es, er habe in seinem 1776 erschienenen Werk «Wohlstand der Nationen» argumentiert, nichts weiter als Selbstsucht sei nötig, um gesamtgesellschaftlich vorteilhafte Ergebnisse zu erzielen.

Er selbst hat aber diese Auffassung (leider weiß ich nicht mehr, aus welcher Quelle ich mir das notiert hatte) als Missinterpretation bezeichnet, weil sie „in fast jeder Beziehung irrig“ sei und dass die Prämisse, dass die selbstsüchtigen Handlungen der Akteure die beste aller möglichen Welten schaffen, kein Dogma sei, denn wäre er dieser Affassung tatsächlich angehangen, hätte es seines Werkes, das als Teil einer „Wissenschaft des Gesetzgebers“ den Weg zu guter Regierung weist, nicht bedurft.

Die Wirkungsweise des Eigeninteresses sei nur soweit nützlich, wie sie allen zugute komme, nämlich dann, wenn Institutionen und Gesetze das Eigeninteresse dazu bringen, in Richtungen zu wirken, in denen es allgemein vorteilhaft ist. Dazu gehöre unter anderem die Regulierung des Bankgewerbes, denn „die Ausübung der finanziellen Freiheit einiger weniger, welche die Sicherheit der ganzen Gesellschaft gefährden könnte, wird und muss von den Rechtsordnungen aller Staaten verhindert werden“.

Generell ist es wohl so, dass Theorien immer von jenen aufgegriffen werden, denen sie am meisten nützen – im Falle von Smith wie auch von Friedman und bezüglich einiger anderer z. B. insbesondere von den Reichen in den USA.

Bezüglich der Meinungsbildung scheint mir jedenfalls die Beschäftigung mit den Theorien der zeitgemäßen wirtschaftlichen „Influencers“ wichtig. Auch unter diesen gibt es bemerkenswerte Persönlichkeiten, deren Forschung zu interessanten Erkenntnissen geführt hat (z. B. Ökonomie-Nobelpreisträgern wie James Buchanan, Gary S. Becker oder Kenneth Arrow), aber auch Deutschen, die noch keine Auszeichnungen erhalten haben. Viele andere bleiben außerhalb ihrer Profession leider nahezu unbekannt. Insofern beruhte meine Frage darauf, dass mich interessierte, inwieweit Du Dich wohl auch mit diesen befasst und daraufhin vielleicht manches in Frage stellst. Wie gesagt, unglücklich formulierte Frage.

Ferner treibt mich um, wie wenige Frauen zu Ruhm und Ehren auf diesem Gebiet kommen. Einige erfreuliche Ausnahmen sind Elinor Ostrom und Esther Duflo, die in letzter Zeit – allerdings nur – den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften erhielten.

Hervor sticht auch Mariana Mazzucato, die – genau wie Kate Raworth mit ihrer Doner-Theorie, aber mit einem anderen Argument – den Sinn des BIP in Frage stellt. Ihrer Ansicht nach sind darin zu viele unproduktive Aktivitäten enthalten, die überhaupt nichts zum Wohlstand einer Gesellschaft beitragen. Zum Beispiel Umsätze aus Finanztransaktionen, deren einziger Zweck es ist, Profit zu generieren. Ihr neues Buch „Wie kommt der Wert in die Welt?“ trägt den Untertitel: „Of Makers and Takers“, auf Deutsch „Von Schöpfern und Abschöpfern“. Die Abschöpfer, das sind nicht nur die Leute, die mit Finanzspekulationen reich werden, sondern auch viele Internetfirmen. Auch sie, schreibt Mazzucato, würden in erster Linie Wert abschöpfen, den andere geschaffen haben.

Liegt insofern bei

die Betonung vielleicht auf Lehre?

Auf die ersten Plätze der FAZ-Rangliste haben es (aus dem deutschsprachigen Raum) Isabel Schnabel (Wissenschaftsrat der Wirtschaftsweisen) und Friederike Welter (Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung) geschafft. Schnabel wird beschrieben als „weise, aber leise, selbstbewusst, aber nicht arrogant, einfach und klar, aber nicht platt, nüchtern, aber nicht kühl“.

Interessant noch: Bei Studien, mit denen nach den Gründen dafür geforscht wurde, warum Frauen in den Wissenschaftsbereichen so stark unterrepräsentiert sind, kam als der bedeutendste Grund, mit großem Abstand zu den weiteren, heraus, dass sie sich als nicht ausreichend mathematisch affin bezeichneten und sich daher eher für Bereiche wie Soziologie, (insbesondere Kinder-)Psychologie, bestenfalls noch Ökologie und ähnlichen geeignet hielten - also für nichts, was vorrangig mit Wirtschaftswissenschaften bzw. Marktwirtschaft zu tun hat.

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Volker Pispers ist jetzt keine Koryphäe in Finanzwissenschaft, aber er hat ein gutes Auge dafür. Und vor allem, kann er komplizierte Zusammenhänge einfach vermitteln, lustig noch dazu.


Man kann sich Dutzende Auftritte von ihm ansehen zu diesem Thema. Diese sollten für alle Finanzentscheider verpflichtend sein - vor allem Finanzminister*innen.
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Ja, das ist wohl der Kern der Sache. Was Adam Smith anbetrifft, will ich ihm gar nicht die Schuld geben. Ich kenne sein Werk zwar nur aus zweiter Hand, aber er scheint eigentlich ganz andere Dinge im Kopf gehabt zu haben als später dort, selektiv, hineininterpretiert wurde. Nur ist das letztlich egal für uns, denn wir müssen mit den Lehren leben, die sich daraus entwickelt haben, denn diese haben unmittelbar Einfluss auf das Leben (und Sterben) der Menschen, nicht das was ursprünglich beabsichtigt war.
Sicher wurde diese Lehre, die an sich absurd ist, deshalb so einflussreich, weil sie den Mächtigen nützte. Und weil sie auf schwachen Füßen steht ist es eigentlich logisch, dass ihre Aussagen zu Glaubenssätzen verfestigt wurden, zu Dogmen, die man tunlichst nicht zu hinterfragen hat. Wenn man das nämlich tun würde bliebe schnell nicht mehr viel davon übrig.

Natürlich tun Menschen das, immer wieder, seit vielen Jahrzehnten. Und daher kann man, wenn man den will, auch schnell Argumente finden, warum an der ganzen Theorie des sich selbst zum Gemeinwohl regulierenden Marktes nicht viel dran sein kann.

Nur wenn man sich die Politik der letzten Jahrzehnte ansieht (seit Reagen, Thatcher, Schröder) dann findet man, dass die Leitlinien dieser Doktrin sehr gut zu den politischen Entscheidungen passen. Und dass die fatalen Konsequenzen dieser Entscheidungen paradoxerweise nicht dazu führen, dass diese Entscheidungen revidiert werden und noch nicht mal dazu, dass sie von den Medien harsch kritisiert werden. Aktivisten haben es z.B. unendlich schwer, mit ihrer Kritik an CETA und TTiPP durchzudringen. Diese ganze Diskussion um die Freihandelsabkommen ist eigentlich nur zu erklären, wenn man sich klar macht, dass hinter diesen Abkommen eine Ideologie steckt. Eine Ideologie, die besagt, dass freier Handel zu besserer Wirtschaftsleistung führt, dass die Erfüllung der Interessen der Großkonzerne und allen nützt und dass dafür jedes Opfer richtig ist. Und Opfer ist wörtlich gemeint. Es gibt zahllose Opfer dieser Politik, eigentlich nahezu die gesamte Menschheit und die Erde.

Natürlich sind da handfeste finanzielle Interessen im Spiel, die ihren Wünschen mit der entsprechenden finanziellen Untermauerung Nachdruck verleihen können. Und die tun sicher einiges, um die neoliberale Ideologie zu fördern. Denn ohne diese Ideologie, ohne das blinde Vertrauen der Entscheidungsträger in diese Ideologie ist eigentlich der ganze Unsinn, der weltweit seit Jahrzehnten von demokratisch gewählten Regierungen verzapft wird nicht zu verstehen.

Die Idee, dass Krankenhäuser besser und günstiger arbeiten sollen, wenn sie Profit abwerfen ist doch bei näherer Betrachtung einfach absurd. Genau wie bei Wasserwerken, Brücken und was sonst noch gerne privatisiert wird. Auch empirisch lässt sich das feststellen, so hat z.B. die Privatisierung der Bahn in Großbritannien zu ganz anderen Ergebnissen geführt, als die Politiker versprochen hatten.

Trotzdem wird weiter daran festgehalten. Nicht mal Corona hat ein Umdenken in Deutschlands Regierungsetage bewirkt. Merkel hat sich am Anfang hingestellt und gesagt „Deutschland ist gut aufgestellt“ für die Versorgung der Corona-Patienten. Das mag durchaus stimmen, im Vergleich zu einigen anderen europäischen Ländern. Aber das ist ja nicht dem unermüdlichen Ausbau der Krankenhäuser geschuldet sondern der Tatsache, dass Deutschland im Abbruch derselben hinter anderen EU-Staaten hinterherhinkt. Staaten, die teilweise, wie Italien oder Griechenland, aufgrund ihrer hohen Verschuldung mit massiver Beteiligung des deutschen Finanzministers, gezwungen werden konnten, die Axt an die eigene Gesundheitsversorgung zu legen.

Deutschland war nicht gut aufgestellt (Mitte Dezember 2019 war für meine Mutter kein Bett in einer Spezialklinik für Lungenkranke frei), und es wäre noch viel schlechter dran gewesen, wenn die von der Bertelsmann-Stiftung empfohlene Schließung von 800 Krankenhäusern bereits vollzogen gewesen wäre.

Aber „Deutschland ist gut aufgestellt“ hört sich doch ganz anders an als „Gut, dass wir dieser Studie bislang nicht gefolgt sind, die Pandemie zeigt, dass die Schließung von Kliniken nicht in Frage kommt“.

Übrigens hatte die neoliberale Doktrin ja auch zur Folge, dass wir diverse benötigte Schutzmittel nicht mehr selbst herstellen sondern importieren müssen… Das mag effizienter sein (in Bezug auf den einzigen Faktor, der für die kapitalistische Marktwirtschaft wirklich von Bedeutung ist, nämlich den Faktor Kapital), aber wenn die Wirtschaft dafür da wäre, die Bevölkerung zu versorgen wäre es schlicht dumm.

Und für die Bekämpfung des Klimawandels taugt die Effizienz der kapitalistischen Marktwirtschaft im übrigen auch nicht, denn sie ist eben nur effizient in Bezug auf den Kapitaleinsatz, nicht in Bezug auf Energie, Flächennutzung, Arbeitskraft etc. Und selbst bei der Rentabilität gibt es Zweifel https://www.klett-cotta.de/buch/Gesellschaft_/_Politik/Bullshit_Jobs/112150

Die These von dem sich selbst zum Wohle aller regulierenden Markt hat sich zu einem Glaubensbekenntnis verselbständigt, und diese Religion ist dabei, uns alle zu opfern. Die (angeblich) alternativlose Politik ist eben nur alternativlos, wenn man den selbst regulierten Markt als ein Naturgesetz verehrt. Tut man das nicht, schreit sie nach Alternativen.

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Und noch ein Mythos zerlegt sich in großen Teilen:

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Das Problem in Deutschland sind nicht fehlende Krankenhausbetten, sondern fehlendes Fachpersonal, insbesondere Pflegekräfte. In Deutschland sterben jedes Jahr bis zu 20000 Patienten an multiresistenten Keimen, mit denen die meisten in Krankenhäusern infiziert wurden.

einige Quellen gehen von höheren Zahlen aus. Das Problem liegt einerseits an der Hgiene, andereseits an der Menge der verordneten Antibiotika, die diese Resistenzen fördern.

Die Pharmaindustrie forscht nicht mehr an neuen Antibiotika, es lässt sich nicht genug Geld damit verdienen, die Entwicklung ist sehr teuer.

https://www.faz.de/wirtschaft/mehr-wirtschaft/medikamente-pharmakonzerne-stoppen-entwicklung-von-antibiotika-16380424.html

Das sind deutliche Beispiele dafür, dass der Markt nichts regelt, zumindest nicht für die Menschen, sondern nur für den Profit.

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Da gibt es die sog. Quantitätsgleichung:

Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit = Inflation x Wirtschaftswachstum

Die Geldmenge steigt rasant, die Inflation stagniert und das Wirtschaftswachstum ist ziemlich bescheiden. Und sonst? Die Umlaufgeschwindigkeit. Wo bleibt denn die von EZB & Co. massenhaft auf den Markt geworfene Liquidität? Die kommt nur zu einem geringen Teil bei den kleinen Leuten an; das übrige verschwindet aber nicht einfach, sondern wird von Menschen und Unternehmen gebunkert, die sich das leisten können. Momentan halten die noch die Füße still - aber wie lange noch? Wenn der erste zuckt, fällt das ganze Kartenhaus in sich zusammen. Dann rette sich, wer kann!

Hier gilt ähnliches wie bei der vor einigen Jahrzehnten noch sehr aktuellen Gefahr eines globalen Atomkrieges: Wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter. Vielen sitzt die Angst ums Ersparte bereits im Nacken. Viele versuchen, ihr Vermögen durch die Flucht ins Betongold in Sicherheit zu bringen. So kostet im Berliner Speckgürtel selbst eine bessere Hundehütte bereits eine halbe Million. Längst fürchtet man sich nicht mehr vor einer schleichenden Geldentwertung, sondern davor, dass eines Tages alles futsch sein könnte.

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Es gibt schon eine Inflation, und keine unbedeutende. Nur eben nicht bei den alltäglichen Preisen, sondern bei den Vermögenswerten. So kann man die Explosion der Immobilienpreise eben auch betrachten.

Und im übrigen kann die EZB gar keine Liquidität auf den Markt werfen. Sie kann nur versuchen, die Geschäftsbanken dazu zu bringen. Die benötigen dafür aber vor allem eins: willige und zahlungskräfige Schuldner, die die entsprechenden Kredite überhaupt wollen und erhalten können.

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Ich glaube schon, dass eine freie Marktwirtschaft automatisch das beste Ergebnis für alle erreicht. Das Problem ist allerdings, dass dafür alles auch monetarisiert werden muss. Dies passiert bei den Umweltauswirkungen langsam (wobei bisher nur CO2-Äquivalente berücksichtigt sind, Artensterben etc. zum Beispiel nicht) und wird bei Bildung, Straßenbau, usw. bisher über Steuern gemacht. Solange man also alle entstehenden Auswirkungen monetarisiert, kann eine freie Marktwirtschaft das Optimum erzeugen. Leider lässt sich genau das aber nicht machen, sodass es vollkommenes Wunschdenken darstellt. (Wie preist man soziale Ungleichheit, Auswirkungen aus der Zukunft, Kunst, usw. akkurat ein?)

Du sagst es selbst, viele Dinge kann man nicht einpreisen.

Viele Dinge (Umstände) lassen sich nicht beziffern, sind aber unabdingbar, zB Bildung oder die Leistung von Pflegekräften.

Andere Leistungen werden permanent zu niedrig angesetzt, wie die Leistung der Reinigungskräfte, wenn nicht regelmäßig geputzt wird, hätte das unabsehbare Auswirkungen für uns Alle, an der Bezahlung der Reinigungskräfte lässt sich das nicht ablesen.

Die arbeitsteilige Gesellschaft ist komplex vernetzt, Jede*r ist von Jeder*m abhängig, ja auch die*der Chef*in von der Reinigungskraft.

Ganz abgesehen davon, dass Niemand genau weiß, was eine Tonne CO2 kosten müsste.

Deshalb braucht es steuernde Kräfte.

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Seitens des Staates und wie? (Deine Beispiele Co2, über Steuern und weitere mögliche)
Wo würde das hinführen, d. h. könnte man dann noch von einer „freien“ Marktwirtschaft reden?

Das sind nur spontane Gedanken - habe noch nicht weiter darüber nachgedacht. Was sind Deine Vorstellungen dazu? (Mir fiel, ebenfalls spontan, so etwas wie ein eventueller Mix im Sinne von sozialer Marktwirtschaft ein.)

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Aber warum sollte das eigentlich so sein? Ich kann mir nicht wirklich einen Mechanismus vorstellen. Allerdings gäbe es schon einige Ansätze, um die zerstörerische Wirkung des Marktes (ja, das ist es, was ich und etliche Autoren, z.B. Karl Polanyi schon in den 40ern wahrnehmen) zu mildern.

Vor allem müsste ein anderes Geldsystem her. Im derzeitigen System mit grundsätzlich positiven Zinssätzen führt die Abzinsung zukünftiger Erträge nämlich dazu, dass künftige Erträge niedriger bewertet werden als heutige. Anders ausgedrückt: Es macht betriebswirtschaftlich unter diesen Bedingungen mehr Sinn, den Wald abzuholzen, das Holz zu verkaufen und das Geld anderweitig anzulegen als den Wald stehen zu lassen, um künftig jederzeit die benötigte Menge Holz zu entnehmen. Denn Geld scheint ewig, unzerstörbar wie Gold und scheint sich von selbst zu vermehren. Entgegen wirken könnte man dem mit einer Umlaufsicherungsgebühr, die das Geld langsam entwertet.

Aber mal davon abgesehen: Wollen wir, dass der Markt uns regiert? Wollen wir, dass der Markt entscheidet, was gut sein soll? Wollen wir, dass Rüstungsgüter produziert werden, weil Leute Krieg führen wollen und sie daher kaufen, oder wollen wir demokratisch entscheiden können, dass das einfach nicht sein soll. Wollen wir Spekulation? Und wollen wir entscheiden können, alle Theater, Clubs und Restaurants wegen Corona zu schließen, ohne damit die betreffenden Gewerbetreibenden zu opfern?

Meiner Meinung nach müssen Märkte kontrolliert, reglementiert und in die Gesellschaft sinnvoll eingebettet sein, um segensreich zu sein. Sie sollen für uns da sein, nicht wir für sie.

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Hallo Miri,
du bist hier einem weit verbreiteten Irrtum aufgelaufen. (ob und von wem bewusst gestreut oder einfach nur gedankenlos weitererzählt kann hier mal dahinstehen)

„Marktwirtschaft“ hat gar nichts mit „Kapitalismus“ zu tun.
Genau das Gegenteil ist der Fall.

Es kann unter kapitalistischen Bedingungen jedoch marktwirtschaftlich zugehen, zumindest eine Weile.
Märkte gab es schon lange vor dem Kapitalismus und selbst im sogenannten Sozialismus.

Kapitalismus bedeutet lediglich: einer arbeitet - einer kassiert leistungslos dessen Leistung bzw. Teile davon (leistungsloses Grundeinkommen, aus Zinsen, Pachten, Dividenden, Gewinnen, Tantiemen…)

  • einzig und allein auf der Basis von „Kapital“ beim einen und von „kein Kapital“ beim anderen.
    Das ist die Basis der viel zitierten, aber meist unverstandenen, „Umverteilung“. Diese kennt nur eine Richtung.

Das führt letztlich „zwangsläufig“ (ja hier gelten dann tatsächlich Naturgesetzte, nämlich die der Mathematik - namentlich die Exponentialfunktion in der Ausprägung des Zinseszinses) zu immer schneller wachsenden riesigen Vermögen - und einer Wirtschaft nahezu „ohne jegliche Marktwirtschaft“ - zu globalen Monopolisten.
Das und nur das ist Kapitalismus.

Alles andere, was gerne in die Kapitalismusdefinition reininterpretiert wird (Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft, und und und) hat damit gar nichts zu tun, ja - dem steht der Kapitalismus leider sogar völlig entgegen und wird lediglich von den Profiteuren missbraucht, um dem Einfältigen den Kapitalismus schmackhaft zu machen.
Die klassische Nebelbombe.

Wer das verstanden hat und Kapital besitzt, kann richtig vermögend werden.
Wer das verstanden hat und kein Kapital besitzt könnte zumindest sinnvolle Strategien entwickeln, um diesen Prozess zu stoppen.

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Sind wir nicht inzwischen an einem Punkt angekommen, wo Zinsen auf bestimmte Ersparnisse bereits negativ sind? Dass man für Kredite weiterhin Zinsen zahlen muss, liegt ja v.a. daran, dass es eine gewisse Ausfallwahrscheinlichkeit, also ein Risiko für die Bank gibt, das über die Zinsen wieder ausgeglichen wird (in der Regel wohl eher überkompensiert, die Banken verdienen ja meist ganz gut daran).

Außerdem denke ich, dass die Marktwirtschaft gut darin ist, Güter effektiv zu verteilen. Das ist sie allerdings nur, wenn die Marktteilnehmenden halbwegs ebenbürtig sind. Angenommen alle hätten ein ähnliches Vermögen - dann müssten wir uns entscheiden, ob wir unser Geld lieber für ein Auto, schöne Einrichtung oder eine große Reise ausgeben und jede*r könnte selbst Prioriäten setzen. Die Preise, die sich aus Angebot und Nachfrage ergeben, würden diese Güter gut verteilen. In so einer Welt würde auch eine Emissionsabgabe oder sonstige Einpreisung von externen Kosten gut funktionieren.

Leider führt die freie Marktwirtschaft wohl dazu, dass sich Vermögen zunehmend ungleichmäßig verteilen. Eine Person kann sich dann alles leisten und ändert auch durch höhere Preise ihren Lebensstil nicht, eine andere hat quasi keine Wahlmöglichkeiten und wird durch Abgaben stark belastet. Das ist doch das einzige Argument gegen eine Emissionsabgabe/CO2-Steuer.

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Das ist kein Naturgesetz des Marktes sondern ebenfalls einen Folge von Zinsen, weil sich die Zinsgewinne nur bei wenigen % der Allerreichsten sammeln, …
…wenn man die Zinsen des Bauern für seinen neuen Stall, die Du mit dem Ei bezahlst und die für den Bau des Kraftwerks zu zahlenden Zinsen, das den Strom für die Rotlichtlampe für die Küken, die Du mit dem Ei bezahlst und die Zinsen zur Finanzierung des LKW des Futterlieferanten, die am Ende Du mit dem Ei bezahlts … mitbilanziert. Soviel Zinsen kann ein fleißger Sparer gar nicht bekommen, wie er Zinsanteil in seinen Verbrauchs- und Inverstitionsgütern zahlt. Wo also landen die Zinsen am Ende?

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Da scheiden sich die Geister

Unter dem Punkt Kapitalismus und Marktwirtschaft wird beschrieben, dass Marktwirtschaft an Stelle von Kapitalismus gesagt wird, weil es nicht so negativ besetzt ist.

Zumindest geht eins ins andere über. Die ersten Gewinne, die für den Kapitalismus eingesetzt werden können, werden in der Marktwirtschaft gemacht.